Üben-Sollen, Üben-Wollen und Üben-Können

Eine Zwickmühle, die sich Eltern, deren Kinder relativ problemlos mitlaufen in der Schule, gar nicht ausmalen können.
Als Lehrerin erlebe ich immer wieder gestresste Kinder und Eltern und muss all meine Gesprächs- und Beratungsfähigkeiten aufbieten, damit wir alle auf einem guten Wege sind.
Als Mutter stecke ich mit einem jungen Jungen in der Grundschule selbst in dieser Zwickmühle.
Und die kann ganz schön zwicken und man muss sehr aufpassen, sich nicht von ihr vereinnahmen und die Haut blauzwicken zu lassen.

„Worum geht es hier überhaupt?!“ fragen sich nun einige.

Es geht darum, dass den Grundschulkindern im ersten und zweiten Schuljahr fachlich schon sehr viel abverlangt wird, sie sollen hier die Grundlagen lernen. Werden die nicht sicher beherrscht, wird darauf aufbauendes, späteres Lernen viel mühseliger.
Es gibt viele Kinder, die sind in jeglicher Hinsicht schulreif und wenn die Eltern sie bei den Hausaufgaben begleiten, das Lesen und Kopfrechnen ein wenig üben, dann läuft das.
Es gibt aber auch viele Kinder, denen fallen einige oder viele Bereiche schwer. Und alles muss geübt werden, am Besten jeden Tag so fünf- bis zehn Minuten. In meinem Text über das Lesen habe ich das selber gefordert.
Das kann für einige Kinder dann aber viele Bereiche beinhalten:
lesen, formklar schreiben, Rechtschreibung üben, Zahlerfassungen üben, Sicherheit im Zahlraum üben, rechnen üben (das Einmaleins sollte nach wie vor „im Schlaf“ beherrscht werden)… damit aber nicht genug.
Dann muss auch noch Feinmotorik, visuelle Wahrnehmung, Raum-Lage-Orienterung, der Gleichgewichtssinn trainiert werden.
Ganz abgesehen vom Fahrradfahren, Schwimmen, dem Umgang mit dem Ball, dem Schleifebinden und was im Bereich Alltag und Hobby sonst noch dazukommen mag.

Und wo bleibt das Kind, das einfach nur spielen und Kind sein soll?
Mein Weg, den wir als Eltern selbst gehen und den ich den Schülereltern nahelege: Prioritäten setzen und mit Geduld, Spucke und Gelassenheit dem Weniger-ist-Mehr frönen.
Das zu Lernende wird in Abschnitte eingeteilt, die nacheinander bewältigt werden.
Im Bereich Mathe im ersten Schuljahr könnte das z.B. heißen, dass unabhängig vom Stoff, den die meisten Kinder in der Schule behandeln, jeden Tag die Zahlen bis 20 geübt werden, bis das Kind die Reihenfolge und die Relationen kennt, ein inneres Zahlbild gebildet hat und sich mühelos und sicher im Zahlenraum orientieren kann.
Erst wenn das sicher ist, kann man mit leichten Kopfrechenübungen anfangen. Für einige Zeit liegt die Priorität dann auf den Zahlzerlegungen (wie kann ich die sieben in zwei Summanden zerlegen?), dann wiederum auf der Zehnerergänzung, auf dem Plusrechen, auf dem Minusrechnen, auf den Analogieaufgaben, auf verwandten Aufgaben, auf dem Zehnerübergang.
Wie soll ein Kind 8+6 sicher rechnen können, wenn es keine Zahlraumvorstellung hat, die sechs nicht zerlegen und die acht nicht sicher zur zehn ergänzen kann? Dementsprechend bringt es auch nichts, die schweren Aufgaben zu pauken, wenn die dazugehörigen Grundlagenaufgaben nicht sitzen.

Dieses Vorgehen erfordert Kommunikation zwischen Eltern und Lehrerin, die Enwicklung eines Planes, wann was „dran“ ist.
Es erfordert aber auch gegenseitiges Vertrauen, dass sich an den Plan gehalten wird.
Schwierig wird es, wenn das nicht möglich ist.
Das kann auf der Elternseite liegen, wenn gar nicht mit dem Kind geübt wird oder zuviel, weil es ja „vorne mitschwimmen“ oder aber zumindest nichts verpassen soll.
Das kann genauso gut auf der Lehrerinnenseite liegen, wenn alle im Gleichschritt marschieren und kein Abweichen vom Wege möglich ist.

Ich persönlich arbeite in meinem Unterricht nicht ausschließlich offen und mit individuellen Plänen, die ich jede Woche eigens für jedes Kind erstelle, das kann ich nicht leisten.
Es geht darum, das Kind in seinen Fähigkeiten und in seinen Noch-Schwachstellen wahrzunehmen und es zu fördern, wo es das braucht, ihm Hilfestellungen in Form von Zusatzmaterialien oder Lösungsansätzen zu geben, es zu ermutigen und zu bestärken auf seinem Weg.

Dieses Vorgehen braucht einen langen Atem und manchmal steht man kurz vor dem Verzweifeln, ich weiß.
Aber der lange Atem zahlt sich aus. So hat dieses Kind Erfolgserlebnisse, verknüpft den Lerninhalt mit positiven Gefühlen, wird selbstbewusster und geht offen auf neue Inhalte zu. Irgendwann „sitzen“ diese Grundlagen und darauf aufbauende Lerninhalte benötigen dann schon nicht mehr ganz so viel Übung.

Lasst uns das Kind im Lerner sehen, diesem Kind den Vorrang geben und lasst uns das Mögliche dafür tun, dieses Kind beim Lernen entspannt lächeln zu lassen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.