Romys Salon – eine Empfehlung

Eine Gedönsabteilung in meinem Kopf beschäftigt sich seit mehreren Monaten mal mehr und mal weniger intensiv mit dem Thema Demenz.
Es ist nicht leicht, einem (dem noch verbleibenden) Elternteil beim Verschwinden zuzusehen, die dazugehörenden Phasen von Aggression, Depression, Hoffnungslosigkeit, sich-hängen-Lassen mitzuerleben und im Grunde nichts tun zu können. Oft genug ist man wieder das Kind, fühlt sich ausgeliefert und erlebt Dinge, die man denkt, hinter sich gelassen zu haben. Dann wiederum muss man die sein, die sich kümmert, fühlt sich aber vollkommen überfordert damit.

Auch der Sohn bekommt das mit – die Oma, die Dinge immer wieder erfragt, die sie wissen sollte, die Unterhaltungen nicht folgen kann. Sicher spürt er eine Unsicherheit im Umgang mit ihr, genauso aber spürt er wohl meine Unsicherheit in der Sache.

Als er mich bat, ein Buch zu kaufen, das im Kinderradio empfohlen wurde, war ich nur allzu bereit dazu.
Nach der gemeinsamen Lektüre dieses Buches möchte ich es weiterempfehlen.

„Romys Salon“ von Tamara Bos.
„Nach der Schule geht Romy zu Oma Stine. Manchmal hilft sie ihr im Frisiersalon. Doch in letzter Zeit ist Oma anders, sie vergisst vieles, spricht auf einmal Dänisch und erzählt immer wieder von ihrer Kindheit in Dänemark und von den Ferien am Meer. Romy unterstützt ihre Oma, wo sie kann, damit keiner etwas merkt. Eines Tages steht OMa Stine plötzlich im Nachthemd im Salon…“

… und das ist erst der Anfang.
Romy erlebt und betrachtet in diesem liebevoll gestalteten Buch die Entwicklung, die ihre Oma nimmt. Die bisher eher distanzierte Beziehung nimmt an Zuneigung und Fröhlichkeit zu. Gleichzeitig ist Romy in vielen Situationen verunsichert. Sie versucht, aufzufangen, zu überdecken und zu vertuschen. Schließlich steht sie selbst im Salon und macht einer Stammkundin die Haare, weil Oma oben in der Wohnung sitzt und sich nicht finden kann.

Für Romy kommt erschwerend hinzu, dass sie unter der noch nicht lang zurückliegenden Scheidung der Eltern und deren Kommunikation untereinander leidet. Sie wünscht sich im Grunde, dass alles wieder so wird wie früher.

Romy wächst mit diesen emotionalen Anforderungen.
Mehr als ihren Eltern, vor allem ihrer Mutter, gelingt es ihr, mit der dementen Oma angemessen umzugehen, sie so zu nehmen, wie sie ist, ihre Gefühle und Bedürfnisse zu aktzeptieren.

Spoilern möchte ich nicht, nur soviel: Es wird richtig spannend im letzten Drittel des Buches. Bedrückend auch – aber oft genug auch lustig – was Romy und Oma Stine auf einem Road-Trip erleben.
Das Buch endet nicht mit einem Happy End, das wäre unrealistisch. Es endet aber auch nicht drastisch-unverdaubar, dafür ist es noch genug Kinderbuch.

Dieses Buch ist in meinen Augen ein sehr gutes problemorientiertes (Kinder-)Buch.
Kinder können sich mit Romy identifizieren, Erwachsene aber auch.
Erwachsene finden sich aber auch in der Alltagsgehetztheit und Kurzsichtigkeit der erwachsenen Protagonisten wieder und haben Gelegenheit, ihr eigenes Verhalten, Denken, Fühlen zu reflektieren.

Dieses Buch bietet viele ernst-bedrückende Passagen, oft genug gibt es aber auch Anlass zum befreiten Lachen. Dies nimmt den traurigen Inhalten etwas die Schwere.
Diese gelungene Mischung erleichtert das Reden über das Buch, über Demenz und die eigenen Gefühle und Gedanken im Umgang mit diesem Thema.

Ich empfehle dieses Buch wärmstens allen, die sich mit Demenz beschäftigen und mit Kindern darüber reden wollen.
Lest es und wachst ein wenig daran.

 

Tamara Bos: Romys Salon
Gerstenberg Verlag, Hildesheim, 2018
174 Seiten
Zum Vorlesen und Selberlesen gleichermaßen geeignet.

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