Abenteuer Erstklässlerelternabend

Vor nicht langer Zeit haben wir ihn absolviert, die Eltern der Erstklässler und ich: Den ersten Elternabend der Grundschulzeit in dieser Klassenzusammensetzung.

Absolviert, überstanden, gelebt, gelacht, gegrübelt, gegähnt, gelitten, gewählt, abgenickt.
So viele Worte passen zu so einem ganz besonderen Elternabend.

Ich als Lehrerin bin aufgeregter als ich es zu anderen Elternabenden bin. Mit diesen Eltern werde ich die nächsten vier Jahre zusammenarbeiten, gut zusammenarbeiten hoffentlich. Um eine gute Basis dafür zu legen muss ich Profi sein, Sicherheit und Souveränität vermitteln. Ich muss aber auch humorvoll sein, nicht alles ganz ernst nehmen, vor allem mich selber nicht. Ich muss aber auch eine Beziehung aufbauen. Neben der gesunden Distanz und dem Respekt vor meinem Profi-Sein sollen die Eltern mir auch vertrauen, ihre Kinder anvertrauen und sie gut aufgehoben wissen.
Ganz nebenbei geht es um Lerninhalte, Arbeitsweisen, Unterstützungsmöglichkeiten und Klassenorganisation.

Die Eltern sind aufgeregt. Sie sorgen sich um ihr Kind, haben schon die ersten ganz drängenden Fragen auf dem Herzen, sich über etwas sehr gefreut oder aufgeregt. Sie vertrauen mir ihr Kind an und möchten, dass ich weiß, was ich tue und die Lage im Blick und im Griff habe.
Vielleicht sind sie auch genervt, man liest ja in den sozialen Netzwerken, wie schlimm diese Abende sind und dass man sie gefühlt kaum übersteht…
Die einen sitzen aufmerksam auf der Stuhlkante, Block und Stift in der Hand und würden am liebsten die gesamte Power-Point-Präsentation mitschreiben, die anderen sitzen da und hoffen, nicht aufzufallen, die nächsten geben sich betont lässig bis arrogant und erwischen sich dann beim Spielen mit den Steckwürfeln und einem verträumten „Die hatten wir damals auch, die fand ich toll“.

Um die Eltern ankommen zu lassen, lese ich (wie so viele andere) den „Ernst des Lebens“ von Sabine Jörg und Ingrid Kellner vor. Die Bilder werden ohne Text an die Wand projiziert und es geht um das Genießen und Schmunzeln.
Im Austausch über Sorgen, Ängste, Wünsche, Hoffnungen, Freude merken die Eltern: Den anderen geht es genauso! Erleichterung macht sich breit, als ich zeige, dass es mir bei des Sohnes ersten Schulwochen damals ganz genauso ging.

Nach diesem so wichtigen Vorgeplänkel geht es ans Eingemachte: Die Informationen zu den Fächern.
Ich will den Eltern nicht nur transportieren, wie ich arbeite, wie die Kinder lesen, schreiben und rechnen lernen und wie sie zu Hause unterstützen können. Ich möchte ihnen auch verdeutlichen, welche Höchstleistungen ihre Kinder da gerade vollbringen. Einigen dämmert im Laufe meiner Erklärungen, warum ihre Kinder plötzlich wieder einen Mittagsschlaf brauchen oder abends so früh schon so müde oder gereizt sind.

Auch die Arbeitsweisen und die Differenzierung muss erläutert werden, denn im Gleichschritt können wir nicht mehr marschieren: Das eine Kind rechnet Aufgaben bis 20, kennt die Zahlen bis 100 und hat Spaß an Sudokus – das andere tut sich noch schwer bei Anzahlbestimmungen bis 5. Das eine Kind kann schon einige Wörter erlesen und schreiben, das andere kennt noch nicht einmal die Buchstaben seines Namens.
Geöffnet werden kann der Unterricht aber erst, wenn die Abläufe und Arbeitsweisen von den Kindern verinnerlicht sind.
Wenn dann geöffnet wird, befinden sich alle an unterschiedlichen Stellen – das muss man aushalten als Eltern. Die Vergleichbarkeit fehlt und das eine Kind bearbeitet z.T. andere Aufgaben als das andere Kind. Dass das nicht schlimm ist und ihr Kind nichts verpasst, das müssen auch die Eltern lernen.

Es braucht einige Geduld und viele beruhigende Worter und Erklärungen, um einigen Eltern klarzumachen, dass letztendlich ich die Fäden in der Hand halte und die vielen Bücher und Arbeitshefte schon zum passenden Zeitpunkt herausgebe und niemand mit einem Arm voller Bücher den Raum verlässt und einen ausgeklügelten Wochenend-Arbeitsplan entwickelt, um zu den Herbstferien schon den Stoff des ersten Schuljahres durchgearbeitet zu haben. Dies ist ein wenig überspitzt formuliert…ein klein wenig…ein klitzeklein wenig.

Das soziale Lernen, die Klassengemeinschaft und das Wohlfühlen des einzelnen Kindes in der Klasse sind mir immens wichtig. Also ist dies auch ein Schwerpunkt, den ich setze, indem ich meine Arbeitsweisen, das zu erreichen erläutere und die Eltern um Mitarbeit bitte. Leider sind die Eltern, an die genau diese Worte gerichtet sind nicht da… Das ist eigentlich immer so. Das ist schade.

Zu diesem Zeitpunkt haben wir die zwei-Stunden-Marke schon fast erreicht. Zunehmend machen sich Kinderstuhl-bedingte Unruhezustände bereit, ein sehr großer Vater muss aufstehen und sich hinstellen.

Nachdem ich die Geburtstags- und Adventsbräuche erklärt und um Mithilfe der Eltern an vielen Fronten gebeten habe, kommen wir zum für mich entspannten Teil des Abends: Die Pflegschaftswahlen. Dies ist die Zeit, in der das Fußboden-Muster auf einmal sehr interessant wird.

Da ich „Wiederholungstäter“-Eltern habe, die wissen, dass die Arbeit in der Elternpflegschaft keine ungeheure Bürde ist bei mir, finden sich schnell zwei fröhlich-motivierte Mütter. Die eine kenne und mag ich schon und traue ihr das Amt zu, die andere lässt sich von ihr mitziehen. Erleichtert ziehen wir die Sache mit der Wahl schnell durch und ich darf den Elternabend beenden.

Gut gestimmt und mit vollen Köpfen verlassen alle den Raum, einige suchen noch das Einzelgespräch.

Schließlich wird noch die Tradition des Jahrgangsteams gepflegt, aufeinander zu warten und uns noch kurz austauschen über das „Wie ist es gelaufen?“.

Am Ende fahre ich nach Hause, froh und erleichtert, es hinter mir zu haben, froh und erleichtert, dass mehr als die Hälfte der Kinder vertreten war und zuversichtlich, dass die Elternarbeit in den meisten Fällen schon gut laufen wird und die Eltern sicher nette Klassenfeste auf die Beine stellen.

Liebe Eltern!
Ja, Elternabende sind anstrengend und manchmal nervig.
Ja, vieles erachtet ihr vielleicht als überflüssig.
Ja, dieses blöde Amt will keiner haben.
Ja, den Abend könnte man schöner verbringen.
Aber: Es sind Eure Kinder.
Je mehr Ihr mit der Lehrerin an einem Strang zieht und Schule auf allen Ebenen unterstützt, desto höher ist die Chance, dass Euer Kind sich richtig wohl fühlen kann in der Schule. Eine wichtige Basis für Selbstbewusstsein und Lernerfolg.
Denkt beim nächsten Elternabend-Seufzen vielleicht mal daran und lächelt Euch durch den Abend. Denn die Hampelfrau da vorne könnte sich auch etwas schöneres vorstellen und freut sich, wenn ihr freundlich begegnet wird.

 

 

Dieses Großeltern-Eltern-Ding

Der Sohn und ich stehen an der Kasse eines großen Spielwarenladens.

Eine Frau betritt mit ihrer ungefähr zwölfjährigen Enkelin das Geschäft und redet mit der Verkäuferin.
Oma: „Wenn ich dieses 50€-Einhorn kaufe, kann ich das wieder zurückgeben?“
Verkäuferin: „Wie meinen Sie das?“
Oma: „Ich möchte das meiner Enkelin schenken. Aber wenn die Mama mal wieder dagegen ist, weil es größer und teurer ist, als wir das abgesprochen haben – kann ich es dann zurückgeben?“
Verkäuferin: „Mit dem Kassenbon und wenn Sie die Etiketten dran lassen, ja.“
Oma und Enkelin ziehen in Richtung der Kuscheltiere ab, die Enkelin steuert zielgerichtet auf ein großes Einhorn zu.

Diese Szene hat mich irritiert, noch eine Weile beschäftigt und ehrlich gesagt auch ein wenig erzürnt.

Wie kann diese Frau?!

Sie will der Enkelin eine Freude machen oder Pluspunkte sammeln und widersetzt sich wissentlich den Eltern des Kindes.

Noch mehr: Sie äußert sich der Enkelin gegenüber abfällig über deren Mutter.

Die Konflikte sind vorprogrammiert, werden der Familie auf dem Silbertablett vorgesetzt.
Die Eltern sehen ihre Prinzipien unterwandert und müssen entscheiden:
Konflikt und Zurückgeben des Kuscheltieres oder
Nachgeben und damit das Standing gegenüber Tochter und Mutter/Schwiegermutter unterspült sehen?
In jedem Falle eine Entscheidung mit üblem Nachgeschmack, die das Vertrauen in die Oma ein Stück weit bröseln lässt.
Wahrscheinlich weiter bröseln lässt.
Die Tochter wird die negativen Schwingungen spüren und ertragen müssen – bei aller Freude über das Kuscheltier wird sie in einem Zwiespalt stecken.
Die Oma verlässt die Familie später triumphierend („denen habe ich es gezeigt“) oder wütend („ist ja mal wieder typisch“), je nachdem, wie die Sache ausgeht. Positive, harmonische Gefühle sind es aber nicht.

Schlagfertig bin ich immer erst Stunden später und sowieso viel zu nett und zu höflich, um sofort in der Situation einzugrätschen. Deswegen muss ich das hinnehmen, gehen lassen und dankbar sein, dass Sohns Großeltern so einen Unsinn nicht veranstalten.

Menschen wie Buchdeckel

Man beobachtet einen Menschen, nimmt die Stimmung dieses Menschen wahr, interpretiert seine Körpersprache, zieht von Äußerlichkeiten Rückschlüsse….
…. und möchte gerne mehr lesen – wie ein einem Buch, dessen Klappentext schon so neugierig auf mehr gemacht hat.

Ich sitze in einem Café, in einer U-Bahn, auf einem Spielplatz, einfach irgendwo herum und kommuniziere gerade nicht.
Sitze und schaue.
Manchmal lasse ich die Menschen an mir vorbeitreiben, sehe die Vielfalt, grinse über Dinge in mich hinein, erfreue mich an fröhlichen Menschen, rege mich über etwas auf – das alles kommt und geht stetig.
Manchmal aber gerät ein Mensch in meinen Fokus und ich muss mich zwingen, nicht zu starren.

Die alte Frau, viel zu dick angezogen für das warme Wetter, mit Stützstrümpfen und Gehhilfe, die zerschlissene Handtasche an sich drückend. Sie bewegt sich langsam und gebeugt. Sie scheint in sich versunken. Nicht unbedingt traurig, auch nicht fröhlich, auch nicht verspannt – ein ruhiges Seufzen spüre ich. Und beginne micht zu fragen: Was hat sie mitgemacht? War sie verheiratet? Hat sie Kinder? Wie sah ihr Berufsleben aus? Reicht die Rente zum Leben? Hat sie Freundinnen, mit denen sie sich trifft? Lebt sie allein?

Oder das pubertierende Mädchen, das in einigem Abstand hinter ihren Eltern herschleicht, nicht neben ihnen gehen möchte. Fühlt sie sich wohl in ihrer Haut? Hat sie stabile Freundschaften? Ist das nur das normale Pubertier-Abstandsgehabe oder steckt mehr Distanz zu den Eltern dahinter? Was schreibt sie in ihr Tagebuch? Wo sieht sie sich in einigen Jahren, wenn die Schulzeit hinter ihr liegt?

Die Verkäuferin, die eine fröhliche Maske trägt. Hat sie Familie? Hat sie Kinder, womöglich pubertäts- oder sonstwie-bedingt gerade schwierige Kinder? Hat sie einen Partner, mit dem sie sich austauschen kann? Macht ihr Job ihr ein wenig Freude, so dass zumindest ein kleines Stück des Lächelns echt ist und sie auch innen lächeln lässt? Was sehnt sie sich herbei, wenn sie einen Augenblick ruhig stehen kann und ihre schmerzenden Füße oder den Rücken spürt?

Menschen wie Buchdeckel.
Irgendetwas zieht mich an, ich möchte mehr schauen.
Meine Phantasie schaltet sich ein, spinnt die Fragen weiter zu Szenen, die es so wohl nie gegeben hat oder geben wird.

Dann ist dieser gedehnte Moment vorbei, der Mensch aus meinem Blickfeld verschwunden oder etwas anderes in den Fokus gerückt.

Wenn ich irgendwann an diesem Tag wieder einen ruhigen Moment habe, denke ich an diesen Menschen zurück, nehme es wahr, dass ich diesen Buchdeckelblick hatte und lasse es ziehen. Wie eine Wolke zieht das gefühlte Bild dieses Menschen von dannen.

Ich erlebe das nicht täglich, auch nicht wöchentlich – nur gelegentlich, dann aber intensiv.
Anschließend frage ich mich: Haben andere auch solche Wahrnehmungen und Gedanken und sprechen einfach nicht darüber – genau wie ich?
Gerate ich auch auf diese Weise in den Fokus fremder Menschen?
Was nehmen sie wahr, welche Fragen drängen sich ihnen auf – wohin spinnen ihre Gedanken sich weiter?

Kennt ihr so etwas oder schüttelt ihr den Kopf und wisst gar nicht, wovon ich rede?

 

Urlaubsendgedanken

Da sitze ich nun, am vorletzten Urlaubsabend.
Zwei besondere Wochen fern dem Alltag liegen hinter mir, der morgige Tag wird der letzte Urlaubstag sein. Alles machen wir morgen zum letzten Mal – der Weg zum Bäcker, das Zurechtziehen und Einrichten des Strandkorbes, das Einwickeln des Kindes ins Handtuch nach dem Baden, den abendlichen Spaziergang mit der Kugel Eis, das letzte Mal dabei mit den Füßen im Wasser der Ostsee.
Da wir die Wohnung und den Ort schon kannten, stellte sich sehr schnell das Urlaubsgefühl ein, richtig entspannt war ich nach einer Woche, nach etwas mehr als einer Woche wusste ich nicht, welchen Wochentag wir gerade haben und es war mir egal.
In diesem Urlaubs-Entspannungs-Zustand lächele ich mir und der Welt zu, genieße den Moment, bin für meine Verhältnisse sehr nah dran am Achtsam-Sein, am Bewusst-im-Moment-Genießen.

Nun winkt der Alltag und ich frage mich wie immer zum Ende des Urlaubs: Wie kann ich ein wenig von diesem Gefühl „eintuppern“, bewahren und mitnehmen, in dieser Lächel-Frische hervorholen, wann immer ich das brauche?

Leider habe ich kein Rezept.
Ich weiß, dass ich diese lächelnde Achtsamkeit ein paar Tage hinüberretten kann, aber sobald ich zum Putzen oder zu Team-Treffen in die Schule gehe, sobald ich mich mit Fachbüchern und Lehrermaterialien zu Hause an den Schreibtisch setze, schleicht sie sich davon und ich sehe mich wieder auf mein Hamsterrad zusteuern.

Dieses Wissen darum, dass auch der schöne Stein für den Schreibtisch, das Wellenvideo, die schönen Fotos mir nicht dabei helfen werden, dieses Wissen darum, dass ich „mein“ Rezept für mehr entspannte Achtsamkeit im Alltag noch nicht gefunden habe, lässt mich wehmütig auf die zwei Wochen zurückschauen. Lächelnd-wehmütig.

Und wenn ich gefragt werde, wie der Urlaub war, kann ich lächelnd sagen, dass er entschleunigt, entspannt, harmonisch, wunderschön und mit allen Wettern gewaschen war und ich mich darauf freue, nächstes Jahr im Sommer wieder mit meiner Familie zwei Wochen in dieser Wohnung, in diesem Wort an diesem Strand verbringen zu können.

Die Sache mit dem Lesen

Ich kenne sehr viele gern lesende Eltern.
Für meinen Geschmack zu viele dieser Eltern sind traurig darüber, dass ihre Kinder nicht gern lesen, freiwillig kein Buch in die Hand nehmen, sich über Buchgeschenke nicht freuen.

Als Mutter, die ihrem Kind von Herzen wünscht, dass es sich mit Büchern entspannen kann und als Lehrerin, die viele Kinder und Eltern beobachtet und begleitet, habe ich mir über Jahre hinweg Gedanken gemacht.

Ein Rezept gibt es nicht, aber zumindest Wissen und Gedanken, die ich aus meiner Erfahrung beitragen möchte.

Ganz, ganz wichtig ist natürlich das Vorlesen und auch das Erzählen, das miteinander Sprechen. Dabei muss man kein begnadeter Vorleser oder Erzähler sein. Solange die emotionale Ebene stimmt, das Kind sich geborgen und sicher fühlt, ist dieses Erlebnis positiv besetzt.
Bitte, liebe Eltern, nur weil Ihr in der Schule vielleicht nicht so gut vorlesen konntet und es seither auch nicht mehr getan habt: Lasst Euch und Euren Kindern dieses Erleben nicht entgehen.
Das Vorlesen sollte dem Kind angeboten werden, bis es das nicht mehr möchte. Es kann sein, dass das Kind mit sieben sagt, es möchte nicht mehr vorgelesen bekommen oder nur noch ab und an mal. Es kann aber auch sein, dass das bis in die beginnende Pubertät hinein dauert. Die Bücher, die das Kind zum Vorlesen auswählt, werden sich ändern, den Eltern vielleicht auch manchmal seltsam vorkommen. Ihr müsst da auch nicht alles mitmachen, kommuniziert das klar, aber nicht abwertend. Gregs Tagebuch wäre für mich beispielsweise keine Vorleselektüre.
Solange das Kind das Vorlesebedürfnis hat, sollte dies auch gestillt werden, egal, wie gut es selber liest.

Von Vorteil ist es sicher auch, wenn die Eltern selbst gerne lesen, das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind zum Gerneleser wird, sehr. Aber selbst wenn Ihr, liebe Eltern, nicht gerne lest, kann Euer Kind ein Gerneleser werden.
Solange Lesen in irgendeiner Form mit positiven Gefühlen besetzt ist, steht dem nichts im Weg. Vielleicht werden Lesemuffel-Eltern ja auch auf dem Weg mit ihrem Kind zu Gernelesern, wer weiß.

Schließlich ist das Lesen-Üben ganz extrem wichtig. Und zwar nicht nur im ersten Schuljahr, sondern noch weit darüber hinaus.
Das Lesen ist anfangs ein extrem mühsamer Prozess. Aus den Lauten, die durch Buchstaben repräsentiert werden, muss ein Wort zusammengesetzt werden. Was für eine Leistung! Dekodiere Du mal sieben Zeichen zu Lauten und schleife die Laute dann zu einem Wort zusammen, das Sinn ergibt.
Anfangs können sich viele Kinder nicht sicher alle Laut-Buchstaben-Zuordnungen merken, einige verstehen das Zusammenschleifen erst nach den Osterferien, ein paar sogar erst zu Beginn des zweiten Schuljahres. Und selbst wenn das sicher beherrscht wird, dauert es bis zum Vorlesen kleiner, einfacher Sätze eventuell noch.
Natürlich gibt es die Kinder, die schon lesen können, wenn sie in die Schule kommen. Natürlich gibt es viele Kinder, die die Basisfertigkeit sehr schnell erlernen.
Gemeinsam ist allen: Es muss geübt werden, bis die Kinder richtig sicher sind und sich auch sicher fühlen. Vorher werden sie kaum freiwillig ein Buch zur Hand nehmen und mit Spannung und Spaß lesen wollen.

Hier setzt meine These an: Das laute Lesen wird zu wenig geübt.
Im Schulalltag mit den vollgestopften Lehrplänen und den heterogenen Klassen mit all ihren Herausforderungen ist das laute Vorlesen durch die Kinder manchmal, für mich noch viel zu oft, ein Stiefkind.
Und Ihr, liebe Eltern, habt ja oft auch sehr viele andere Tauben auf dem Dach und seid froh, wenn das Kind einigermaßen flüssig liest und man es zumindest auf diesem Feld in die Selbstständigkeit entlassen kann. Ich verstehe das gut. Über Jahre hinweg zehn Minuten tägliche Lese-Übungszeit fest zu integrieren stellt eine Herausforderung dar, vieles andere steht oft im Vorderung und man kann schließlich nicht immer alles üben.
Und doch will ich hier dazu ermutigen, das Kind bei diesem Prozess zu begleiten.
Solange die Stimme sich beim Lesen noch über die natürliche Tonlage hebt, solange das Kind konzentriert vornübergebeugt ist, eventuell sogar die Stirn ein wenig verzieht und zwischendurch tief durchatmen muss, weil es das Atmen vor Anstrengung vergessen hat, macht ihm das Lesen noch keinen großen Spaß und solange benötigt es ermutigende Unterstützung und Hinweise bei schweren Wörtern oder kleine Tipps zur richtigen Betonung. Denn seien wir mal ehrlich: Machen wir eine Sache zum Hobby, die für uns überaus anstrengend ist und keine Freude bereitet?
Genauso ist es mit dem Lesen auch.
Ihr werdet es merken, liebe Eltern, wann Euer Kind Spaß am Lesen hat, ganz sicher. Und dann reduziert ihr das tägliche Vorlesen und lasst Euch nur noch ein- zweimal in der Woche vorlesen.
Bei einigen Kindern ist das im zweiten Schuljahr der Fall, bei den meisten irgendwann im dritten-vierten Schuljahr, bei einigen wiederum erst zu Beginn ihrer Zeit an der weiterführenden Schule.

Liebe Eltern, lest vor und lasst Euch vorlesen, genießt die Zeit mit dem Kind und genießt das Leuchten in den Augen, wenn es irgendwann selbst ein neues Buch öffnet und sich unbändig auf den Inhalt freut!