Mein Traumalied

Trauma.
Nicht Traum.
Ich habe ein Traumalied.

Viele Jahre war ich ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Kirchgemeinde und sehr häufig für die nicht-Orgel-Teile der musikalischen Gestaltung der Gottesdienste zuständig.
Häufig spontan und häufig in Situationen, die meine Schamesgrenze deutlich ankratzten.
Das schlimmste Erlebnis drängt sich dieser Tage wieder nach vorne im Kopf und grinst mich unverschämt an.

Im Vorfeld der Osterplanungen wurde mir einmal eine Entlastung von diesem steten Einsatz mit Gitarre und Stimme in Aussicht gestellt. Eine neue Mitarbeiterin und ihr Freund wollten die Gitarrenbegleitung und das (Vor-)Singen im Ostergottesdienst übernehmen.
Meine Aufgabe war lediglich, mit anderen kurz vor Ende des Gottesdienstes in den Garten zu huschen und Eier zu verstecken.
Endlich mal nicht vorne stehen, die Rampensau geben müssen.
Endlich mal einfach den Gottesdienst genießen können.
Ich freute mich sehr.

Vor Beginn des Gottesdienstes dann die Nachricht, dass die junge Frau krank sei, nicht kommen könnte. Aber ihr Freund sei da. Er würde Gitarre spielen, ich müsste ihn bei dem Lied, das vorgetragen werde nur stimmlich unterstützen.
Natürlich lächelte ich ihn freundlich an, sagte, dass ich das selbstverständlich machen würde.
Wir zogen uns in den Keller zurück, um das Lied einmal zu proben.

Er: „Wir singen ‚Stups, der kleine Osterhase‘.“
Ich: „Das kenne ich nicht, hast du Noten?“
Er: „Nein, nur die Gitarrenakkorde.“
Ich: „Gut, dann musst du es mir vorsingen und ich versuche, reinzukommen.“
(Anmerkung: Ich kann ohne Noten quasi kein Lied lernen, mein Gedächtnis befindet sich an dieser Stelle im Dauerstreik. Aber: Noch war ich wohlgemut.)
Er: „Ich fange an.“
Ich (aufmunternd nickend): „Mach‘ mal, sobald ich mich sicherer fühle, singe ich mit.“
Er schlug einen Takt auf der Gitarre holte tief Luft, sah mich an, nickte und


spielte weiter.
Es kam kein Ton aus seinem Mund.
Ich: „Du, ich kenne das Lied gar nicht und nur mit dem Text kann ich mir die Melodie nicht erschließen.“
Er lächelte, nickte, spielte einen Takt auf der Gitarre vor, holte tief Luft und


spielte Gitarre.
Es kam kein Ton aus seinem Mund.

Er: „Du singst ja gar nicht.“
Ich (inzwischen verkrampft lächelnd): „Ja, weil ich darauf warte, dass du mir dieses Lied vorsingst.“
Er: „Komm, wir singen das noch einmal.“

Diese Szene wiederholte sich ein paar mal mit immer verkrampfterem Lächeln meinerseits, bis wir zum Gottesdienst mussten.
Der Pastor kam uns entgegen: „Und?“
Ich wollte ansetzen, dass wir das wohl sausen lassen müssen, da der Mann an der Gitarre zwar meint, dass er singt, dies aber ohne Ton tut und ich das Lied ohne Noten so nicht lernen kann.
Der Mann an der Gitarre kam mir zuvor: „Ja, super, das wird ganz toll. Wir machen das!“
Pastor freute sich, drehte ab, die Orgel brauste, ich bekam eine Panikattacke nach der anderen.
Irgendwann wurden wir angekündigt.
Wir schritten nach vorn.
Der Mann an der Gitarre setzte sich hin, schlug einen Takt auf der Gitarre holte tief Luft, sah mich an, nickte und


spielte weiter.
Es kam kein Ton aus seinem Mund.
Ich entließ irgendwelche Töne aus meinem Munde, eine Mischung zwischen missglückter Melodie und versuchtem Rap.
Ein Gesangssolo im Ostergottesdienst, das wohl bis heute seinesgleichen sucht in dieser Gemeinde.

Auch die stressigsten Momente sind irgendwann zu Ende.
Unter höflichem Applaus schlich ich an meinen Platz, begleitet von einem stolzen Mann mit Gitarre, der mir begeistert zuraunte: „Das haben wir ganz toll gemacht, oder?“

Tobias, sei froh, dass ich so ein friedliebender Mensch bin, ansonsten hätte ich dir Muppet-mäßig deine Gitarre über den Kopf gezogen.

So kann es gehen.
Er verließ die Kirche an diesem Tag einen Kopf größer, weil er so einen grandiosen Auftritt mit Gitarre und Luftgesang hingelegt hat.
Ich verließ die Kirche an diesem Tag um einen Kopf kleiner und um ein Traumalied reicher.

Später bekam ich irgendwann die Noten zu diesem Lied in die Hand.
Ich könnte es inzwischen singen.
Ich tue es aber nicht.
Niemals.

2 Gedanken zu „Mein Traumalied“

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