Der lange Weg des Ankommens

Du hast eine Familie.
Kinder, die du über alles liebst.
Es gab Zeiten eines zufriedenen Lebens.
Jetzt herrscht in deinem Land Krieg.
Du hast schon Menschen sterben sehen, geliebte Angehörige an diesen Krieg verloren.
Du hast Angst um deine Familie.
Du beschließt, alle Ersparnisse zu nehmen und dich auf den Weg zu machen.
Mit deiner Familie.
Du bist mit deiner Familie auf der Flucht.
Ihr seht Dinge, die niemand sehen möchte.
Ihr erlebt Dinge, von denen niemand auch nur träumt, dass er einmal erleben könnte.
Ihr steht Ängste aus, die euch fast das Herz zerreißen.
Du versuchst, deinen Kindern alles zu erklären, warum sie das mitmachen müssen und von der Hoffnung zu sprechen, die ihr habt.
Ihr kommt an.
Ihr haust zunächst mit vielen anderen in einer großen Unterkunft.
Ihr bekommt einen Wohnort zugewiesen.
Ihr habt eine Wohnung, eine spärliche Einrichtung, Kleidung zum Wechseln, Geld für Essen.
Ihr lebt in Frieden.
Ihr atmet auf.
Der so lange gehetzte Körper kommt zur Ruhe, der Geist noch lange nicht.
Du schickst deine Kinder in den Kindergarten, die Schule.
Du hoffst, dass sie gut ankommen in diesem Land, das nun auch ihr Land ist.
Du merkst, dass die Kinder die neue Sprache schnell lernen und freust dich.
Du merkst aber auch, dass sie in vielen Dingen Hilfe benötigen, die du ihnen nicht geben kannst.
Du lernst diese schwere Sprache bei weitem nicht so schnell.
Die Formulare, die Briefe, die Aushänge, alles ist nur mühsam und ansatzweise verständlich.
Du spürst diese Blicke der Menschen in der Nachbarschaft, der anderen Eltern, beim Einkaufen, überall.
Du spürst, dass der Umgang mit dir manchmal schwierig ist für Kollegen, Erzieherinnen, Lehrerinnen, die Leute vom Sozial- und Arbeitsamt – die Sprache, deine kulturelle Unwissenheit.
Du gibst alles und merkst, dass auch dies nicht genug ist.
Du bist angekommen und benötigst doch noch lange zum Ankommen.

Bild: pixabay.com

 

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