Üben-Sollen, Üben-Wollen und Üben-Können

Eine Zwickmühle, die sich Eltern, deren Kinder relativ problemlos mitlaufen in der Schule, gar nicht ausmalen können.
Als Lehrerin erlebe ich immer wieder gestresste Kinder und Eltern und muss all meine Gesprächs- und Beratungsfähigkeiten aufbieten, damit wir alle auf einem guten Wege sind.
Als Mutter stecke ich mit einem jungen Jungen in der Grundschule selbst in dieser Zwickmühle.
Und die kann ganz schön zwicken und man muss sehr aufpassen, sich nicht von ihr vereinnahmen und die Haut blauzwicken zu lassen.

„Worum geht es hier überhaupt?!“ fragen sich nun einige.

Es geht darum, dass den Grundschulkindern im ersten und zweiten Schuljahr fachlich schon sehr viel abverlangt wird, sie sollen hier die Grundlagen lernen. Werden die nicht sicher beherrscht, wird darauf aufbauendes, späteres Lernen viel mühseliger.
Es gibt viele Kinder, die sind in jeglicher Hinsicht schulreif und wenn die Eltern sie bei den Hausaufgaben begleiten, das Lesen und Kopfrechnen ein wenig üben, dann läuft das.
Es gibt aber auch viele Kinder, denen fallen einige oder viele Bereiche schwer. Und alles muss geübt werden, am Besten jeden Tag so fünf- bis zehn Minuten. In meinem Text über das Lesen habe ich das selber gefordert.
Das kann für einige Kinder dann aber viele Bereiche beinhalten:
lesen, formklar schreiben, Rechtschreibung üben, Zahlerfassungen üben, Sicherheit im Zahlraum üben, rechnen üben (das Einmaleins sollte nach wie vor „im Schlaf“ beherrscht werden)… damit aber nicht genug.
Dann muss auch noch Feinmotorik, visuelle Wahrnehmung, Raum-Lage-Orienterung, der Gleichgewichtssinn trainiert werden.
Ganz abgesehen vom Fahrradfahren, Schwimmen, dem Umgang mit dem Ball, dem Schleifebinden und was im Bereich Alltag und Hobby sonst noch dazukommen mag.

Und wo bleibt das Kind, das einfach nur spielen und Kind sein soll?
Mein Weg, den wir als Eltern selbst gehen und den ich den Schülereltern nahelege: Prioritäten setzen und mit Geduld, Spucke und Gelassenheit dem Weniger-ist-Mehr frönen.
Das zu Lernende wird in Abschnitte eingeteilt, die nacheinander bewältigt werden.
Im Bereich Mathe im ersten Schuljahr könnte das z.B. heißen, dass unabhängig vom Stoff, den die meisten Kinder in der Schule behandeln, jeden Tag die Zahlen bis 20 geübt werden, bis das Kind die Reihenfolge und die Relationen kennt, ein inneres Zahlbild gebildet hat und sich mühelos und sicher im Zahlenraum orientieren kann.
Erst wenn das sicher ist, kann man mit leichten Kopfrechenübungen anfangen. Für einige Zeit liegt die Priorität dann auf den Zahlzerlegungen (wie kann ich die sieben in zwei Summanden zerlegen?), dann wiederum auf der Zehnerergänzung, auf dem Plusrechen, auf dem Minusrechnen, auf den Analogieaufgaben, auf verwandten Aufgaben, auf dem Zehnerübergang.
Wie soll ein Kind 8+6 sicher rechnen können, wenn es keine Zahlraumvorstellung hat, die sechs nicht zerlegen und die acht nicht sicher zur zehn ergänzen kann? Dementsprechend bringt es auch nichts, die schweren Aufgaben zu pauken, wenn die dazugehörigen Grundlagenaufgaben nicht sitzen.

Dieses Vorgehen erfordert Kommunikation zwischen Eltern und Lehrerin, die Enwicklung eines Planes, wann was „dran“ ist.
Es erfordert aber auch gegenseitiges Vertrauen, dass sich an den Plan gehalten wird.
Schwierig wird es, wenn das nicht möglich ist.
Das kann auf der Elternseite liegen, wenn gar nicht mit dem Kind geübt wird oder zuviel, weil es ja „vorne mitschwimmen“ oder aber zumindest nichts verpassen soll.
Das kann genauso gut auf der Lehrerinnenseite liegen, wenn alle im Gleichschritt marschieren und kein Abweichen vom Wege möglich ist.

Ich persönlich arbeite in meinem Unterricht nicht ausschließlich offen und mit individuellen Plänen, die ich jede Woche eigens für jedes Kind erstelle, das kann ich nicht leisten.
Es geht darum, das Kind in seinen Fähigkeiten und in seinen Noch-Schwachstellen wahrzunehmen und es zu fördern, wo es das braucht, ihm Hilfestellungen in Form von Zusatzmaterialien oder Lösungsansätzen zu geben, es zu ermutigen und zu bestärken auf seinem Weg.

Dieses Vorgehen braucht einen langen Atem und manchmal steht man kurz vor dem Verzweifeln, ich weiß.
Aber der lange Atem zahlt sich aus. So hat dieses Kind Erfolgserlebnisse, verknüpft den Lerninhalt mit positiven Gefühlen, wird selbstbewusster und geht offen auf neue Inhalte zu. Irgendwann „sitzen“ diese Grundlagen und darauf aufbauende Lerninhalte benötigen dann schon nicht mehr ganz so viel Übung.

Lasst uns das Kind im Lerner sehen, diesem Kind den Vorrang geben und lasst uns das Mögliche dafür tun, dieses Kind beim Lernen entspannt lächeln zu lassen.

Rechtschreibung

Du liebst dein Kind über alles.
Du möchtest, dass dein Kind glücklich und selbstbewusst ist.
Du möchtest, dass das Kind Zutrauen in seine Fähigkeiten hat.

Wenn dein Kind die ersten zaghaften Schritte wagt, freust du dich.
Du lobst dein Kind unterstützt es in seinen Übungen.
Wenn es anfangs über seine Füße stolpert, ist das nicht schlimm für dich, du weißt ja, dass es mit steter Übung sicherer wird und sich Fehler im Bewegungsablauf nicht festsetzen, sondern mit der intrinsisch motivierten Übungen verschwinden.
Diese deine Überzeugung überträgt sich auf dein Kind.
Das weißt du, niemals würdest du bei diesen zaghaften Schritten schon die Teilnahme für den nächsten Marathon in zwei Wochen ausfüllen.

Wenn dein Kind ein Instrument erlernt, freust du dich über jeden Ton, jede kleine Melodie.
Du lobst dein Kind und unterstützt es in seinen Übungen.
Wenn es anfangs die Noten vertauscht oder die Töne sich seltsam anhören, ist das nicht schlimm für dich, du weißt ja, dass es mit steter Übung sicherer wird und sich einmal gemachte Fehler nicht festsetzen, wenn man sie in Augenschein nimmt und bewusst übt.
Diese deine Überzeugung überträgt sich auf dein Kind.
Das weißt du, niemals würdest du erwarten, dass es in einem Monat in der Royal Carnegie Hall auftritt.

Wenn dein Kind eine Sportart erlernt, freust du dich über jeden Fortschritt, den es macht.
Du lobst dein Kind und unterstützt es in seinen Übungen.
Wenn es anfangs keine fließenden Bewegungen hat, wenn es sich ungeschickt anstellt, ist das nicht schlimm für dich. Du weißt ja, dass es mit steter Übung sicherer wird und sich einmal gemachte Fehler nicht festsetzen, wenn man sie in Augenschein nimmt und bewusst übt.
Diese deine Überzeugung überträgt sich auf dein Kind.
Das weißt du, niemals würdest du erwarten, dass es an den nächsten olympischen Spielen teilnimmt.

Wenn dein Kind beginnt zu schreiben, bist du entsetzt über die Fehler, die das Kind macht.
Du sagst deinem Kind, dass es alles, aber auch alles falsch schreibt und bist wütend auf die Lehrerin. Denn du bist dir absolut sicher, ein einmal falsch geschriebenes Wort hat sich so und nur so ins Gedächtnis des Kindes eingebrannt und wird niemals wieder gelöscht werden können. Du hast Angst, dass dein Kind nie sicher rechtschriftlich korrekte Texte wird schreiben können.
Diese deine Überzeugung überträgt sich auf dein Kind.
Das blendest du aus und zeigst deinem Kind, dass es entweder richtig oder gar nicht zu schreiben hat.

So, liebe Lesende, erlebe ich gerade die Diskussion um das Erlernen des Schreibens und deswegen möchte ich – wie ich es auf den Elternabenden auch mache – darlegen, wie der Schreib-Unterricht bei mir und bei vielen (ich glaube, den meisten) Kolleginnen in der Grundschule abläuft.

Zunächst:
Der Deutschunterricht in der ersten Klasse ist vielschichtig, den Bereich des Sprechens und Zuhörens und den Bereich des Lesens möchte ich hier ausklammern.
Desweiteren:
Ich will hier keine konzeptvergleichende Hausarbeit mit Fußnoten und Zitaten schreiben. Ich will werben für ein entspanntes Zugesestehen von Lernprozessen – auch in der Rechtschreibung.

Denn was dein Kind da im Schreibunterricht der ersten Monate leistet, ist Schwerstarbeit und die Freude des Kindes über seine ersten Erfolge mit einem „das ist alles falsch und unleserlich“ plattzuhauen ist nicht nur fahrlässig, sondern verletzend und demotivierend.

Buchstaben
Der Schreibunterricht beinhaltet die Erarbeitung der Laute, die durch unsere Buchstaben präsentiert werden.
Wir benennen die Buchstaben im ersten Schuljahr nicht so, wie wir es tun, wenn wir das Alphabet aufsagen, sondern mit seinem Laut.
Eine Buchstabenübersicht erhalten die Kinder durch die sogenannte Anlauttabelle – zu jedem Laut gibt es ein Bild, zum M die Maus, zum Au das Auto, zum St den Stern und so weiter. Abhängig vom gewählten Lehrwerk sehen die Anlauttabellen unterschiedlich aus.
Durch diese Tabelle stehen den Kindern schon sehr früh alle Buchstaben zum Lesen und Schreiben zur Verfügung.
Es wird aber auch jeder Buchstabe intensiv geübt, das Erkennen dieses Buchstabens, das bewegungsrichtige Schreiben, das genaue Abhören von Wörtern und das Schreiben und Lesen von Wörtern, die sich aus den bisher behandelten Buchstaben ergeben. Diese Übungen finden mit allen Sinnen statt, werden mit Geschichten, Gedichten, Liedern verbunden. Mir persönlich ist es wichtig, zu jedem Buchstaben auch eine Gebärde einzuführen.
Diese Buchstabenerarbeitung erfolgt zunächst mit allen im Gleichschritt, aber schon bald erarbeiten die Kinder die Buchstaben in ihrem eigenen Tempo.
Die Kinder sollen Buchstabensicherheit erhalten und durch nicht überfordernde Übungen an das Lesen und Schreiben herangeführt werden.

Schreiben
Da Erstklässler einen natürlichen Schreibdrang haben und sich schriftlich ausdrücken möchten, bekommen sie Schreibanlässe geboten. Impulse, zu denen sie einfach losschreiben können. Das können Phantasiereisen, Bildbetrachtungen, eigene Erlebnisse oder Briefe sein. Immer wieder aber sind es auch einfache Bilder, neben die die Kinder die passenden Wörter schreiben.
Dieses Schreiben erfolgt durch das ganz genaue, langsame Sprechen der Worte, das genaue Hinhören und das Abbilden der gehörten Laute mit Buchstaben. Hier kommt die Anlauttabelle zum Tragen und hilft den Kindern bei der Suche nach den richtigen Buchstaben.
Hier sehe ich als Lehrerin, auf welcher Stufe der Schreibentwicklung die Kinder stehen, hier an einem Beispiel erläutert:
Die einen schaffen es, einen Buchstaben pro Wort zu hören und richtig aufzuschreiben. (L)
Die nächsten finden das Wortskelett – die meisten Konsonanten, oft aber noch keine Vokale.  (LKMTF)
Weitere Kinder hören schon richtig gut hin und bilden alle Laute weitgehend sicher ab. (LOGOMOTIFE)
Die nächsten wiederum entwickeln schon Rechtschreibgespür und achten auf Feinheiten. (Lokomotiwe oder sogar Lokomotive)
Alle Kinder wissen beim Schreiben immer um das Angebot des Nachfragens:
Habe ich alle Buchstaben?
Ist das richtig geschrieben?
Alle Kinder wissen immer um mein Angebot, das Wort in „Erwachsenenschrift“(rechtschriftlich korrekt) darunter zu schreiben und ihnen zu erläutern, warum es so geschrieben wird.

Rechtschreiben
Zusätzlich zu diesen Schreibanlässen wird aber auch Rechtschreibung geübt, bzw. darüber gesprochen.
Vokale werden mit intensiven Übungen verbunden, das kurze und das lange Klingen voneinander zu unterscheiden. Nur wenn ich weiß, dass das „e“ auch kurz klingen kann, höre ich es in „Ente“.
Silben sind ganz wichtig, Wörter werden in Silben durchgliedert. Bald wird auch klar, dass jede Silbe einen „Silbenkönig“ beinhaltet, einen Vokal. Ich kann dem Kind also sagen: Sprich‘ das Wort in Silben, und finde zunächst die Silbenkönige.
Wenn ich diese Fähigkeit bei allen Kinder am Ende der ersten Klasse erreicht habe, freue ich mich. Für einige ist das zu diesem Zeitpunkt das maximal Leistbare.
Es wird noch mehr im ersten Schuljahr thematisiert und intensiv mit verschiedenen Aufgaben geübt:
Großschreibung von Nomen, also allem, was ich anfassen kann und von Namen (Abstrakta kommen erst im zweiten Schuljahr).
Die Laute St, Sp, Sch oder auch ch, ch (Buch – Bücher)  werden genau betrachtet und Wörter analysiert.
Das „-er“ am Wortende, das sich oft genug wie ein „a“ anhört.
Auslautverhärtungen mit der Verlängerung überprüfen. (Ich höre „Hunt“, bei „Hunde“ jedoch ist das „d“ eindeutig zu hören.)
Vorsilben, die immer gleich geschrieben werden.

Fazit
Die Kinder schreiben nicht Ewigkeiten so, wie sie sprechen, nein.
Die Kinder lernen Rechtschreibung.
Aber die Kinder brauchen Zeit und Hilfe. Hilfe, die ihrem Leistungsstand angemessen ist.
Ständige Frustrationserlebnisse und negative Kommentare derer, die man liebt (in diesem Falle die Eltern) ziehen die Kinder herunter und nehmen den Boden, eine vernünftiges Rechtschreibgespür und -wissen zu erlernen.

Zum Schluss noch eines…
Was möchten die Gegner des lautgetrauen Schreibens denn?
Das frage ich mich oft.
Für mich heißt das: Du darfst nur schreiben, was du mit absoluter Sicherheit richtig schreiben kannst.
Herzlichen Dank, dann dürften 99% der Bevölkerung also nicht oder nur eingeschränkt schreiben?
Ich war vor bald 20 Jahren als Praktikantin an einer Schule, für diese Gegner wäre das dort die wahre Wonne gewesen, ein Paradies:
Alle Kinder sind im Gleichschritt marschiert. Ein Kind hatte ein wenig vorgearbeitet in einer Arbeitsphase, ich hatte gedacht, das sei in Ordnung, es war fit. Die Lehrerin hat die ganze Seite ausradiert und übel geschimpft.
Ein anderes Kind sagte zu mir (es war im Mai) „Ich heiße Jenny, aber ich kann meinen Namen noch nicht schreiben.“
Ich: „???“
Sie: „Wir haben das Y vielleicht erst nach den Sommerferien, vorher darf ich meinen Namen nicht schreiben.“

Zum Lernen gehören Fehler dazu.
Aus Fehlern lernt man, wenn man sie reflektiert.
Zum Lernen gehört Handwerkszeug.
Das erlernt man schrittweise nacheinander und beherrscht es nicht vom ersten Atemzug an.
Ich würde mir wünschen, dass man dies dem Lernen der Rechtschreibung auch zugesteht.

„Ach komm, ich weiß das doch!“ – Wie mir mein Beruf erklärt wird

Jeder hat eine Schule besucht.
Viele haben ihre Kinder auf dem Weg durch unser Schulsystem begleitet oder begleiten sie noch.
Eine Meinung zu Schule und zu Lehrern haben alle, weil alle Kontakt damit haben oder hatten.
So weit so gut und vollkommen in Ordnung.
Wir sind Menschen und wir nehmen subjektiv wahr und neigen allzu oft auch zur Generalisierung und Stigmatisierung.

Aber:
Einige fühlen sich nicht nur qualifiziert, ihre subjektive Meinung lauthals als generellen Ist-Zustand zu verkünden, sondern auch – siehe Überschrift – zu behaupten, sie wüssten es besser als die anwesenden Lehrerinnen.
Der Renter, der an meinem Schulweg wohnt, zum Beispiel. Die Schulzeit der eigenen Kinder liegt schon eine ganze Weile zurück, die Enkel liegen noch im Kinderwagen.
Unsere Wege kreuzten sich am frühen Nachmittag.
Er: „Na, Feierabend?“
Ich: „Ja, die erste Schicht ist geschafft.“, auf seine hochgezogenen Augenbrauen hin: „Heute Abend geht es dann an den Schreibtisch.“
Er abwinkend: „Ja klar, wer das glaubt, dass Lehrer wirklich noch was am Schreibtisch tun, ts.“
Lächeln und sagen: „Na, wenn Sie meinen, es besser zu wissen…“ und innerlich den Baseballschläger zücken.
Das ist kein Einzelfall. Tatsächlich gibt es eine Steigerung, denn: „Lehrer brauchen gar kein Arbeitszimmer zu Hause, die machen ja nach Schulschluss nichts mehr.“ Das muss man erst mal bringen, das in meinem vollgestopften Arbeitszimmer mit seinen Stapelskulpturen stehend zu bringen – zumal wenn ich die Tür mit Rotstift, Eckenabrunder und Laminiergerät bewaffnet versperren kann.

Es geht mir an dieser Stelle gar nicht darum zu diskutieren, ob ich mehr arbeite als andere oder belasteter bin. Das glaube ich nicht, die Belastungen in jedem Beruf sind andere und auch hier spielt die Subjektivität wieder eine große Rolle.

Mich stört es, dass meine Arbeit abgekanzelt und nicht wertgeschätzt wird.
Mich stört es, dass andere, die niemals auch nur eine Woche als Praktikant in diesem Beruf zugebracht haben, sich ein herablassendes Urteil erlauben über dieses Berufsfeld.
Mich stört es, dass ich von solchen Leuten nicht gebeten werde: „Erzähle doch mal von deinem Beruf, ich kenne nur die Schüler- oder Elternperspektive.“
Mich stört es, dass mir erzählt wird, ich würde Feierabend für den Tag machen, wenn ich mittags nach Hause gehe.
Mich stört es, dass ich mir das überhaupt anhöre, wütend werde und es manchmal noch längere Zeit mit mir herumtrage.

Und wieder das
Aber:
Es gibt natürlich auch die andere Seite.
Solche dummen Abkanzelungen habe ich mir von den Eltern meiner Klassen nicht anzuhören, die scheinen das anders wahrzunehmen.
Diese mir meinen Beruf erklärenden Personen sind deutlich in der Minderheit, sie stechen nur hervor durch die negativen Emotionen, die sie in mir wecken.
Die mir wirklich wichtigen Menschen hören mir zu und fragen nach und würden niemals auf die dumme Idee kommen, so etwas zu sagen.

Wie gehe ich nun damit um?
Vor dem inneren Auge setze ich diese „wissenden Personen“ auf eine Wolke und puste sie weg hinter den nächsten Hügel, sollen sie doch da ihre Meinung abregnen.
Schließlich und vor allem bemühe ich mich, selbst keine Vorurteile gegenüber anderen Berufsgruppen zu pflegen bzw. meine oft sicher vorschnellen Wertungen zu hinterfragen.

Meine Gedanken zur Bildungsstudie

Es war einmal ein Großgrundbesitzer, der auf einem weiten Feld in seinem Garten einen Brunnen bauen wollte.

Er machte sich an die Planung, war aber so sehr danach bestrebt, schnell an Wasser zu gelangen, dass er sich nur halbherzig die Meinung von Fachleuten einholte. Deren Vorschläge waren zwar schlüssig, in der Umsetzung aber viel zu teuer. Außerdem benötigten sie Zeit. Zeit, die der Großgrundbesitzer nicht hatte, wollte er doch bei der nächsten Grundstücksbegehung durch den Verein der Gartenfreunde zeigen, dass er schnell und effektiv einen sehr guten Brunnen gebaut hat.

Also beschaffte er sich das nötige Gerät. Das Gerät war alt und oft nur mäßig für seine Zwecke einsetzbar, aber das musste reichen. Ein Loch war schnell gebuddelt, die Brunnenwände mit Steinen vom Feldesrand und Einzelsteinen aus verschiedenen Ländern schnell befestigt. Unten goss der Großgrundbesitzer Beton ein, damit das ganze auch über Jahrzehnte unverändert Bestand hat.

Ein Brunnenrand musste her. Dafür war nun wirklich keine Zeit und kein Geld mehr da. Also schlug der Großgrundbesitzer Steine aus der alten Scheune heraus und baute einen kniehohen Ring um seinen Brunnen.
Die Seilwinde erstand er glücklich auf dem Flohmarkt, das bisschen Rost hat noch keinem geschadet. Das Hochziehen des Wassers würde dadurch beschwerlich, aber die Gartenfreunde würden den Brunnen ja nicht im alltäglichen Einsatz sehen und ein bisschen Patina ist bekanntlich schick und angesagt. Die Kette für die Seilwinde war sehr kurz, aber auch das tat der Motivation und Entscheidungsfreude des Großgrundbesitzers keinen Abbruch. Die Eimer schließlich passten optisch und im Zustand perfekt zur Seilwinde.

Der Grußgrundbesitzer war stolz auf seinen Brunnen, von außen besehen sah er richtig schmuck aus und mit den passenden Worten präsentiert lockte es Neidgefühle bei den Gartenfreunden hervor.

Der Gärtner des Großgrundbesitzers sah das ein wenig anders. Im Brunnen fand sich nach verregneten Tagen lediglich ein wenig Wasser. Bei weitem zu wenig, um alle Pflanzen des Großgrundbesitzers ausreichend zu gießen. Außerdem waren die Eimer so löchrig und die Seilwinde so schwer zu bedienen, dass der Gärtner mehr helfende Hände benötigt hätte, allein war das Wasserholen kaum zu bewerkstelligen.

Nach und nach brachte der Großgrundbesitzer immer mehr Pflanzen an, die besonderer Pflege bedurften und sagte herablassend zum Gärtner „Du schaffst das schon, das ist ja schließlich dein Job“. Durch Stürme wurden Pflanzen aus anderen Ländern hinzugetragen und siedelten sich an. Sie waren hübsch anzusehen und trugen optisch positiv zum Gesamtbild bei. Allerdings war der Gärtner nicht angemessen ausgebildet, um diese Pflanzen richtig versorgen zu können und so blieben sie immer ein wenig kleiner, als sie eigentlich hätten sein können.

Die Probleme mit der Wasserversorgung und die Vielfalt der Pflanzen, um die der Gärtner sich kümmern musste, führten dazu, dass der Gärtner nicht mehr ein noch aus wusste und an einigen Stellen weniger sorgfältig arbeitete.

Der Gärtner sprach mit dem Großgrundbesitzer und auch einige Gartenfreunde sprachen mit ihm über diesen Pflegezustand. Der Großgrundbesitzer winkte ab und sagte „In meinem Garten gibt es keine Probleme, der Gärtner muss nur richtig seine Arbeit machen. Ich stelle immer viele Gärtner ein und schaut, das Tor zu meinem Garten sieht doch hübsch aus.“

Nach und nach verkümmerten immer mehr Pflanzen und der Gärtner ging immer gebückter unter der Last seiner Aufgaben.

Eines Tages machte der Verein der Gartenfreunde eine Erhebung zum Pflanzenwachstum und stellte fest, dass die Pflanzen im Garten des Großgrundbesitzers viel zu klein waren und auch irgendwie blass.

Der Großgrundbesitzer reagierte sehr verwundert und meinte, er könne sich dies gar nicht erklären. Er versprach, die Situation zu verbessern. Der Anfang wäre sicher gemacht, wenn man den Brunnen um einen Ring aus buntem Kies erweitere und neben besonders schönen Pflanzen bunte Lichter aufstelle. Außerdem müsse der Gärtner angehalten werden, alle Arbeitsschritte sorgfältig zu dokumentieren und für jede Pflanze ein Pflegekonzept zu erarbeiten.

Der Großgrundbesitzer lehnte sich zurück, setzte seine rosa Brille auf und betrachtete zufrieden sein Werk, während der Gärtner weiter versuchte, jeder Pflanze die für sie optimale Pflege zukommen zu lassen.

Alltagsexplosionen

Der Schultag ist durchgeplant. Ich habe viel vor für die Stunden, die ich in meiner ersten Klasse bin. Nicht nur „Deutsch“ und „Mathe“ sollen heute mit Inhalt gefüllt werden, es soll auch um das soziale Lernen und kooperatives Arbeiten gehen. Gut gelaunt und zuversichtlich mache ich mich auf den Weg.

Sergej hat heute Geburtstag.
Daran werde ich beim Betreten der Klasse erinnert, als ein strahlender Sergej im weißen Hemd und eine strahlende Sergej-Mama mich begrüßen. Als sie zur Seite treten, offenbaren sie den Blick auf ein Tablett, dessen Anblick mir erklärt, warum die übrigen Erstklässler wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm durch die Klasse wuseln: Überraschungseier, Schokokekse, Kaubonbons, Luftballons…vieles, was das Kinderherz begehrt.

Nicht nur das.
Als ich Sergej herzlich zum Geburtstag gratuliere, überreicht er mir eine Schachte Pralinen: „Für dich, Frau C., weil du so eine nette Lehrerin bist.“

Gerührt bedanke ich mich bei Kind und Mutter und bringe das Tablett mit den Süßigkeiten in Sicherheit vor den kreisenden Erstklässler-Raubvögeln. Erst einmal muss Sergejs Geburtstag gefeiert werden.

Wir treffen uns im Sitzkreis, reichen das Klassentier herum und jedes Kind wünscht Sergej etwas. Einige schaffen ein „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“, andere haben schöne, zugewandte, persönliche Wünsche für den Jungen. Ein sonst sehr ruhiger Schüler, der aufgrund seines Migrationshintergrundes sprachlich noch seine Schwierigkeiten hat, treibt mir fast die Tränen in die Augen. Er spricht für seine Verhältnisse sehr lange und überhäuft Sergej mit Komplimenten zu seinen Fähigkeiten und Vorzügen im Sozialen. Sprachlich geglättet: „Du bist nicht böse zu anderen Kindern, du spielst ganz toll mit allen, du freust dich so, wenn dir etwas gelingt. Ich freue mich, dass wir in einer Klasse sind.“

Nach dem Standard-Zukowski ist es endlich soweit: Alle setzen sich auf ihren Stuhl und Sergej darf mit dem Tablett die Runde machen. Er macht es spannend. Pro Runde darf sich jedes Kind zwei Teile nehmen. Das ist wohl bedacht von Sergej, damit die besten Süßigkeiten nicht sofort weg sind.

Nun tauchen neue Probleme auf: „Ich darf keine Nüsse“ und „Ich darf keine Gelatine“. Die Idee, eine Süßigkeiten-Tauschbörse zu veranstalten kommt schnell.
Die Stimmung steigt, es wird langsam turbulent. Ich sitze auf der Fensterbank und sehe dem Treiben amüsiert zu und muss lachen, als Sergej ein Paket Kaubonbon in die Luft hält und laut ruft: „Wer weiß es, ist das ein Schwein?“

Natürlich muss auch etwas verzehrt werden, ob wirklich alle Kinder nur eine Süßigkeit essen, wie von mir vorgegeben… nunja, wir waren alle mal Kinder. Luftballons werden aufgeblasen und tatsächlich in Teamarbeit zugeknotet.
Plötzlich spielen alle mit großem Hallo das „Halte den Luftballon in der Luft“ auf dem Teppich.

Von der ersten Stunde bleiben jetzt noch genau fünf Minuten. Seufzend und meine Tagesplanung durchkreuzend schicke ich alle zum Toben und Durchatmen auf den Schulhof.

Die Übungen zum sozialen Lernen muss ich wohl über den Haufen schmeißen.
Doch halt.
Die Übungen zum sozialen Lernen haben die Schüler heute selbst gestaltet.
Sie werden im Gedächtnis bleiben.
Sie werden zu einer „Weißt du noch?“-Sache für die Klassengemeinschaft.

Mein Unterricht wurde durch eine Geburtstagsexplosion gekippt und trotzdem wurde das Ziel irgendwie erreicht.
Stolz auf diese niedliche Rasselbande schlendere ich auf den Schulhof und möchte dieses Erlebnis teilen.