Veränderung

Denn tatsächlich ist unsere Persönlichkeit nicht in Stein gemeißelt. Sie ändert sich. Selten von jetzt auf gleich und selten von einem Extrem zum anderen, aber eben auch selten gar nicht. Denn die Situationen, die wir erleben, wirken auf uns zurück. Die Menschen, auf die wir treffen, prägen uns ebenso, wie wir unsere Mitmenschen prägen. Und unser Lebensweg eröffnet uns weitere Chancen und Herausforderungen, die uns verschlossen oder von denen wir verschont geblieben wären, hätten wir einen anderen Weg eingeschlagen.

Jule Specht in der Psychologie Heute, Heft Juli 2018

Ist das nicht fantastisch?
Zurückblicken und Änderungen sehen, sich im besten Falle an ihnen erfreuen.
Die noch nicht erkennbaren Wege der Zukunft vage wahrnehmen und sich freuen, was auf ihnen noch alles geschieht, welche Veränderungen sie mit sich bringen.

Freuen am Wachsen und freuen auf das Weiterwachsen.

Gefühlsgedöns im Alltag

Eine kleine Episode nur und doch nimmt sie mich den ganzen Tag mit.

Ein entspannter Sonntag ist es. Der Tag hatte einen gemütlichen Start und sollte sich mit Besuch bei der Schwiegerfamilie am Nachmittag gut gelaunt fortsetzen.

Noch im Schlafanzug öffnete ich gegen Mittag der Nachbarin die Tür, die nur kurz etwas zurückgeben wollte. Da man sich eine Zeit nicht gesehen hatte, fragte ich, wie es ihr geht.
Eigentlich wollte ich schon das nicht. Die Zeit bis zur Abfahrt hatte noch einige Punkte auf der To-do-Liste und ich weiß, dass diese Frage eine lange Antwort nach sich ziehen kann bei dieser eigentlich sehr liebenswürdigen Frau.
So war es dann auch. Sie redete und redete, regte sich über etwas auf, die Stimme wurde immer lauter, knallte mir in den Ohren und die Nachbarin kam von Hölzchen auf Stöckchen.
Ganze viermal sagte ich so etwas wie „So, ich muss dich jetzt leider abwürgen, ich habe noch zu tun.“ und schob die Haustür immer ein Stück weiter zu. Das war nicht von Erfolg gekrönt und erst nach einer gefühlten Ewigkeit und einem „Knopf an der Backe“ ging sie ihrer Wege.

Pfutsch war sie, die Sonntagsruhe. Eben noch entspannt, ruhig und fröhlich war ich nun angespannt, kribbelig und genervt.
Und ich konnte mich eine ganze Zeit nicht herunterfahren.
Nicht nur das, ich habe mich so verspannt, dass ich anfing, die Kiefer aufeinanderzupressen.

Erst während der Autofahrt beruhigte ich mich wieder.

Warum ist das so?, frage ich mich seitdem. Den ganzen Tag schon kreisen meine Gedanken darum.
In solcher Deutlichkeit ein Gespräch zu beenden, verbal und nonverbal so eindeutige Zeichen zu setzen, habe ich mir über viele Jahre erarbeitet. Inzwischen habe ich meistens das Gefühl ich habe einen Weg gefunden, meine Grenzen aufzuzeigen, ohne den Leuten vor den Kopf zu stoßen.
In diesem Falle aber war ich schon unhöflich und es kam trotzdem nicht an.

Ich fühlte mich also schlecht, weil ich so unhöflich war.
Ich fühlte mich schlecht, weil das kleine Mädchen in mir ja dazu erzogen wurde, immer freundlich zu sein und niemanden vor den Kopf zu stoßen.
Ich fühlte mich aber auch schlecht, weil ich genervt war und meine Grenzen übertreten sah.
Dieses Schlechtfühlen von zwei Seiten aus führte zu meiner Unruhe und zu Stress.

Lösen kann ich das nicht, noch nicht. Ich werde wohl immer mal wieder in solche Situationen geraten, beruflich und privat.
Ich habe nur die Hoffnung, dass ich durch Bewusstmachung und Reflexion irgendwann gelassener mit solchen Situationen umgehe und sie verarbeite.

Alles hat seine Zeit

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde
Prediger 3, 1

Erwachsen werden hat seine Zeit,
Eltern werden hat seine Zeit,
das Älterwerden der Eltern hat seine Zeit…

Gesprächsinhalte.
Irgendwann haben sie sich geändert, schleichend und unbemerkt.

Ausbildung, das Ankommen im Beruf, Stellenwechsel, Zukunftsperspektiven, Wohnorte, Beziehungen, Hochzeiten.

Sie wurden abgelöst von sesshaft Werden, Kinder in die Welt setzen, ersten Ehekrisen und -trennungen, Hausbau oder Wohnungskauf, Urlaubsorten, Autokäufen.
Dominierend waren hier die Kinder, die Entwicklung der Kinder, die Sorgen, die Freuden, die Besonderheiten.

Das ist auch immer noch da, das Gesprächsthema Nachwuchs.
Aber bei immer mehr Freunden schleicht sich das Älterwerden der Eltern ein und die damit verbundenen Sorgen, Gedanken und Aufgaben.

Krebs, Parkinson, Demenz, Pflege, Tod, zurückgebliebene Elternteile, Beerdigungen und die damit verbundenen Gefühlskomplikationen und Trauerphasen werden kommuniziert und mitgetragen. Dies wirft auch immer wieder auf die eigene Familie zurück und bringt den sorgenvollen Blick in die Zukunft mit sich.
Wie wird es weitergehen?
Wie wird man sein Leben darauf ausrichten, wie das Ganze verarbeiten können?
Wie wird sich die Beziehung zu den Geschwistern ändern, wenn die Eltern nicht mehr da sind?

Nicht zuletzt denkt man weiter.
Wie wird man selbst seinen sogenannten Lebensabend verbringen?
Wie werden unsere Kinder über uns sprechen?
Wie gebrechlich werden wir sein?
Wie „fit im Kopf“ sind wir dann noch?
Wo leben wir?
Sind wir glücklich?

Niemand kann diese Fragen beantworten.
Diese Antworten wird die Zeit mit sich bringen.
Unweigerlich.

Es ist gut so, dass man darüber redet mit dem Partner, mit Freunden.
Denn dann wird man auch in den akuten Situationen reden können und sich aufgefangen fühlen.
Und so beruhigt kann man wieder ins Jetzt zurückkehren und das Leben leben.
Denn es ist schön, das Leben.

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schlafschafgedanken

„und nu‘?“, fragt das eine schlafschaf.
hm?„, fragt das andere schlafschaf.
„nun, der spot ist an. wir stehen im rampenlicht.“
das tun wir seit mehr als zwei jahren.
„ja, aber nur in einem kleinen tweetkasten. diese bühne ist größer.“
ach.
„was, ach?“
die fressen doch auch alle nur gras.
„schon gut, aber trotzdem: sie gucken.“
dann mal los.
„weißt du….? manchmal frage ich mich ja schon, warum wir das hier machen.“
wir sind halt so passiert.
„meinst du, es gab uns nicht schon vorher?“
in der gedankenschatzkiste, die tief in der seele vergraben ist gab es uns bestimmt.
„wie jetzt?“
wir leben in einem kopf und aus ihm heraus.“
„wir leben in einem stall, in unserem schlafschafstall.“
aber der existiert im kopf.
„unser stall steht auf einer wunderschönen wiese mit bäumen und einem bach.“
auch der eine kopfsache.
„und unser schlafschafwächter?“
ein sehnen nach dem umkümmert werden und dem behütet sein.
„brauchen die menschen das?“
ja.
„warum?“
diese sehnsucht trägt jeder in sich.
„und wenn sie von unserem umkümmert werden lesen, freuen sie sich?“
vielleicht. ja.
„aber der schlafschafwächter kommt nicht jeden tag…..“
nein, wir sind groß und leben und sind glücklich, wir kümmern uns ganz oft selbst gut um uns. dann schaut der schlafschafwächter vielleicht zu, aber er muss nichts machen.
„was ist mit dem sommerwieseträumeland? auch nur eine kopfsache, ich weiß, aber warum ist es nicht ein winterwunderland?“
weil der kopf, der uns denkt, die sonne und die wärme liebt.
„wären wir in einem anderen kopf, wären wir anders?“
bestimmt.
„jeder kopf, jede seele ist anders?“
ja.
„und jeder möchte lächeln?“
ja, so oft wie möglich.
„aber was den kopf und die seele lächeln lässt, ist bei jedem anders?“
ja.
„und deswegen sind wir so, wie wir sind, in diesem kopf, wie er ist und deswegen sind wir gut, solange wir sind?“, fragt das eine schlafschaf.
ich glaube, jetzt hast du’s.“, lächelt das andere schlafschaf.

Mein Traumalied

Trauma.
Nicht Traum.
Ich habe ein Traumalied.

Viele Jahre war ich ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Kirchgemeinde und sehr häufig für die nicht-Orgel-Teile der musikalischen Gestaltung der Gottesdienste zuständig.
Häufig spontan und häufig in Situationen, die meine Schamesgrenze deutlich ankratzten.
Das schlimmste Erlebnis drängt sich dieser Tage wieder nach vorne im Kopf und grinst mich unverschämt an.

Im Vorfeld der Osterplanungen wurde mir einmal eine Entlastung von diesem steten Einsatz mit Gitarre und Stimme in Aussicht gestellt. Eine neue Mitarbeiterin und ihr Freund wollten die Gitarrenbegleitung und das (Vor-)Singen im Ostergottesdienst übernehmen.
Meine Aufgabe war lediglich, mit anderen kurz vor Ende des Gottesdienstes in den Garten zu huschen und Eier zu verstecken.
Endlich mal nicht vorne stehen, die Rampensau geben müssen.
Endlich mal einfach den Gottesdienst genießen können.
Ich freute mich sehr.

Vor Beginn des Gottesdienstes dann die Nachricht, dass die junge Frau krank sei, nicht kommen könnte. Aber ihr Freund sei da. Er würde Gitarre spielen, ich müsste ihn bei dem Lied, das vorgetragen werde nur stimmlich unterstützen.
Natürlich lächelte ich ihn freundlich an, sagte, dass ich das selbstverständlich machen würde.
Wir zogen uns in den Keller zurück, um das Lied einmal zu proben.

Er: „Wir singen ‚Stups, der kleine Osterhase‘.“
Ich: „Das kenne ich nicht, hast du Noten?“
Er: „Nein, nur die Gitarrenakkorde.“
Ich: „Gut, dann musst du es mir vorsingen und ich versuche, reinzukommen.“
(Anmerkung: Ich kann ohne Noten quasi kein Lied lernen, mein Gedächtnis befindet sich an dieser Stelle im Dauerstreik. Aber: Noch war ich wohlgemut.)
Er: „Ich fange an.“
Ich (aufmunternd nickend): „Mach‘ mal, sobald ich mich sicherer fühle, singe ich mit.“
Er schlug einen Takt auf der Gitarre holte tief Luft, sah mich an, nickte und


spielte weiter.
Es kam kein Ton aus seinem Mund.
Ich: „Du, ich kenne das Lied gar nicht und nur mit dem Text kann ich mir die Melodie nicht erschließen.“
Er lächelte, nickte, spielte einen Takt auf der Gitarre vor, holte tief Luft und


spielte Gitarre.
Es kam kein Ton aus seinem Mund.

Er: „Du singst ja gar nicht.“
Ich (inzwischen verkrampft lächelnd): „Ja, weil ich darauf warte, dass du mir dieses Lied vorsingst.“
Er: „Komm, wir singen das noch einmal.“

Diese Szene wiederholte sich ein paar mal mit immer verkrampfterem Lächeln meinerseits, bis wir zum Gottesdienst mussten.
Der Pastor kam uns entgegen: „Und?“
Ich wollte ansetzen, dass wir das wohl sausen lassen müssen, da der Mann an der Gitarre zwar meint, dass er singt, dies aber ohne Ton tut und ich das Lied ohne Noten so nicht lernen kann.
Der Mann an der Gitarre kam mir zuvor: „Ja, super, das wird ganz toll. Wir machen das!“
Pastor freute sich, drehte ab, die Orgel brauste, ich bekam eine Panikattacke nach der anderen.
Irgendwann wurden wir angekündigt.
Wir schritten nach vorn.
Der Mann an der Gitarre setzte sich hin, schlug einen Takt auf der Gitarre holte tief Luft, sah mich an, nickte und


spielte weiter.
Es kam kein Ton aus seinem Mund.
Ich entließ irgendwelche Töne aus meinem Munde, eine Mischung zwischen missglückter Melodie und versuchtem Rap.
Ein Gesangssolo im Ostergottesdienst, das wohl bis heute seinesgleichen sucht in dieser Gemeinde.

Auch die stressigsten Momente sind irgendwann zu Ende.
Unter höflichem Applaus schlich ich an meinen Platz, begleitet von einem stolzen Mann mit Gitarre, der mir begeistert zuraunte: „Das haben wir ganz toll gemacht, oder?“

Tobias, sei froh, dass ich so ein friedliebender Mensch bin, ansonsten hätte ich dir Muppet-mäßig deine Gitarre über den Kopf gezogen.

So kann es gehen.
Er verließ die Kirche an diesem Tag einen Kopf größer, weil er so einen grandiosen Auftritt mit Gitarre und Luftgesang hingelegt hat.
Ich verließ die Kirche an diesem Tag um einen Kopf kleiner und um ein Traumalied reicher.

Später bekam ich irgendwann die Noten zu diesem Lied in die Hand.
Ich könnte es inzwischen singen.
Ich tue es aber nicht.
Niemals.