Meine Gedanken zur Bildungsstudie

Es war einmal ein Großgrundbesitzer, der auf einem weiten Feld in seinem Garten einen Brunnen bauen wollte.

Er machte sich an die Planung, war aber so sehr danach bestrebt, schnell an Wasser zu gelangen, dass er sich nur halbherzig die Meinung von Fachleuten einholte. Deren Vorschläge waren zwar schlüssig, in der Umsetzung aber viel zu teuer. Außerdem benötigten sie Zeit. Zeit, die der Großgrundbesitzer nicht hatte, wollte er doch bei der nächsten Grundstücksbegehung durch den Verein der Gartenfreunde zeigen, dass er schnell und effektiv einen sehr guten Brunnen gebaut hat.

Also beschaffte er sich das nötige Gerät. Das Gerät war alt und oft nur mäßig für seine Zwecke einsetzbar, aber das musste reichen. Ein Loch war schnell gebuddelt, die Brunnenwände mit Steinen vom Feldesrand und Einzelsteinen aus verschiedenen Ländern schnell befestigt. Unten goss der Großgrundbesitzer Beton ein, damit das ganze auch über Jahrzehnte unverändert Bestand hat.

Ein Brunnenrand musste her. Dafür war nun wirklich keine Zeit und kein Geld mehr da. Also schlug der Großgrundbesitzer Steine aus der alten Scheune heraus und baute einen kniehohen Ring um seinen Brunnen.
Die Seilwinde erstand er glücklich auf dem Flohmarkt, das bisschen Rost hat noch keinem geschadet. Das Hochziehen des Wassers würde dadurch beschwerlich, aber die Gartenfreunde würden den Brunnen ja nicht im alltäglichen Einsatz sehen und ein bisschen Patina ist bekanntlich schick und angesagt. Die Kette für die Seilwinde war sehr kurz, aber auch das tat der Motivation und Entscheidungsfreude des Großgrundbesitzers keinen Abbruch. Die Eimer schließlich passten optisch und im Zustand perfekt zur Seilwinde.

Der Grußgrundbesitzer war stolz auf seinen Brunnen, von außen besehen sah er richtig schmuck aus und mit den passenden Worten präsentiert lockte es Neidgefühle bei den Gartenfreunden hervor.

Der Gärtner des Großgrundbesitzers sah das ein wenig anders. Im Brunnen fand sich nach verregneten Tagen lediglich ein wenig Wasser. Bei weitem zu wenig, um alle Pflanzen des Großgrundbesitzers ausreichend zu gießen. Außerdem waren die Eimer so löchrig und die Seilwinde so schwer zu bedienen, dass der Gärtner mehr helfende Hände benötigt hätte, allein war das Wasserholen kaum zu bewerkstelligen.

Nach und nach brachte der Großgrundbesitzer immer mehr Pflanzen an, die besonderer Pflege bedurften und sagte herablassend zum Gärtner „Du schaffst das schon, das ist ja schließlich dein Job“. Durch Stürme wurden Pflanzen aus anderen Ländern hinzugetragen und siedelten sich an. Sie waren hübsch anzusehen und trugen optisch positiv zum Gesamtbild bei. Allerdings war der Gärtner nicht angemessen ausgebildet, um diese Pflanzen richtig versorgen zu können und so blieben sie immer ein wenig kleiner, als sie eigentlich hätten sein können.

Die Probleme mit der Wasserversorgung und die Vielfalt der Pflanzen, um die der Gärtner sich kümmern musste, führten dazu, dass der Gärtner nicht mehr ein noch aus wusste und an einigen Stellen weniger sorgfältig arbeitete.

Der Gärtner sprach mit dem Großgrundbesitzer und auch einige Gartenfreunde sprachen mit ihm über diesen Pflegezustand. Der Großgrundbesitzer winkte ab und sagte „In meinem Garten gibt es keine Probleme, der Gärtner muss nur richtig seine Arbeit machen. Ich stelle immer viele Gärtner ein und schaut, das Tor zu meinem Garten sieht doch hübsch aus.“

Nach und nach verkümmerten immer mehr Pflanzen und der Gärtner ging immer gebückter unter der Last seiner Aufgaben.

Eines Tages machte der Verein der Gartenfreunde eine Erhebung zum Pflanzenwachstum und stellte fest, dass die Pflanzen im Garten des Großgrundbesitzers viel zu klein waren und auch irgendwie blass.

Der Großgrundbesitzer reagierte sehr verwundert und meinte, er könne sich dies gar nicht erklären. Er versprach, die Situation zu verbessern. Der Anfang wäre sicher gemacht, wenn man den Brunnen um einen Ring aus buntem Kies erweitere und neben besonders schönen Pflanzen bunte Lichter aufstelle. Außerdem müsse der Gärtner angehalten werden, alle Arbeitsschritte sorgfältig zu dokumentieren und für jede Pflanze ein Pflegekonzept zu erarbeiten.

Der Großgrundbesitzer lehnte sich zurück, setzte seine rosa Brille auf und betrachtete zufrieden sein Werk, während der Gärtner weiter versuchte, jeder Pflanze die für sie optimale Pflege zukommen zu lassen.

Alltagsexplosionen

Der Schultag ist durchgeplant. Ich habe viel vor für die Stunden, die ich in meiner ersten Klasse bin. Nicht nur „Deutsch“ und „Mathe“ sollen heute mit Inhalt gefüllt werden, es soll auch um das soziale Lernen und kooperatives Arbeiten gehen. Gut gelaunt und zuversichtlich mache ich mich auf den Weg.

Sergej hat heute Geburtstag.
Daran werde ich beim Betreten der Klasse erinnert, als ein strahlender Sergej im weißen Hemd und eine strahlende Sergej-Mama mich begrüßen. Als sie zur Seite treten, offenbaren sie den Blick auf ein Tablett, dessen Anblick mir erklärt, warum die übrigen Erstklässler wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm durch die Klasse wuseln: Überraschungseier, Schokokekse, Kaubonbons, Luftballons…vieles, was das Kinderherz begehrt.

Nicht nur das.
Als ich Sergej herzlich zum Geburtstag gratuliere, überreicht er mir eine Schachte Pralinen: „Für dich, Frau C., weil du so eine nette Lehrerin bist.“

Gerührt bedanke ich mich bei Kind und Mutter und bringe das Tablett mit den Süßigkeiten in Sicherheit vor den kreisenden Erstklässler-Raubvögeln. Erst einmal muss Sergejs Geburtstag gefeiert werden.

Wir treffen uns im Sitzkreis, reichen das Klassentier herum und jedes Kind wünscht Sergej etwas. Einige schaffen ein „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“, andere haben schöne, zugewandte, persönliche Wünsche für den Jungen. Ein sonst sehr ruhiger Schüler, der aufgrund seines Migrationshintergrundes sprachlich noch seine Schwierigkeiten hat, treibt mir fast die Tränen in die Augen. Er spricht für seine Verhältnisse sehr lange und überhäuft Sergej mit Komplimenten zu seinen Fähigkeiten und Vorzügen im Sozialen. Sprachlich geglättet: „Du bist nicht böse zu anderen Kindern, du spielst ganz toll mit allen, du freust dich so, wenn dir etwas gelingt. Ich freue mich, dass wir in einer Klasse sind.“

Nach dem Standard-Zukowski ist es endlich soweit: Alle setzen sich auf ihren Stuhl und Sergej darf mit dem Tablett die Runde machen. Er macht es spannend. Pro Runde darf sich jedes Kind zwei Teile nehmen. Das ist wohl bedacht von Sergej, damit die besten Süßigkeiten nicht sofort weg sind.

Nun tauchen neue Probleme auf: „Ich darf keine Nüsse“ und „Ich darf keine Gelatine“. Die Idee, eine Süßigkeiten-Tauschbörse zu veranstalten kommt schnell.
Die Stimmung steigt, es wird langsam turbulent. Ich sitze auf der Fensterbank und sehe dem Treiben amüsiert zu und muss lachen, als Sergej ein Paket Kaubonbon in die Luft hält und laut ruft: „Wer weiß es, ist das ein Schwein?“

Natürlich muss auch etwas verzehrt werden, ob wirklich alle Kinder nur eine Süßigkeit essen, wie von mir vorgegeben… nunja, wir waren alle mal Kinder. Luftballons werden aufgeblasen und tatsächlich in Teamarbeit zugeknotet.
Plötzlich spielen alle mit großem Hallo das „Halte den Luftballon in der Luft“ auf dem Teppich.

Von der ersten Stunde bleiben jetzt noch genau fünf Minuten. Seufzend und meine Tagesplanung durchkreuzend schicke ich alle zum Toben und Durchatmen auf den Schulhof.

Die Übungen zum sozialen Lernen muss ich wohl über den Haufen schmeißen.
Doch halt.
Die Übungen zum sozialen Lernen haben die Schüler heute selbst gestaltet.
Sie werden im Gedächtnis bleiben.
Sie werden zu einer „Weißt du noch?“-Sache für die Klassengemeinschaft.

Mein Unterricht wurde durch eine Geburtstagsexplosion gekippt und trotzdem wurde das Ziel irgendwie erreicht.
Stolz auf diese niedliche Rasselbande schlendere ich auf den Schulhof und möchte dieses Erlebnis teilen.

Abenteuer Erstklässlerelternabend

Vor nicht langer Zeit haben wir ihn absolviert, die Eltern der Erstklässler und ich: Den ersten Elternabend der Grundschulzeit in dieser Klassenzusammensetzung.

Absolviert, überstanden, gelebt, gelacht, gegrübelt, gegähnt, gelitten, gewählt, abgenickt.
So viele Worte passen zu so einem ganz besonderen Elternabend.

Ich als Lehrerin bin aufgeregter als ich es zu anderen Elternabenden bin. Mit diesen Eltern werde ich die nächsten vier Jahre zusammenarbeiten, gut zusammenarbeiten hoffentlich. Um eine gute Basis dafür zu legen muss ich Profi sein, Sicherheit und Souveränität vermitteln. Ich muss aber auch humorvoll sein, nicht alles ganz ernst nehmen, vor allem mich selber nicht. Ich muss aber auch eine Beziehung aufbauen. Neben der gesunden Distanz und dem Respekt vor meinem Profi-Sein sollen die Eltern mir auch vertrauen, ihre Kinder anvertrauen und sie gut aufgehoben wissen.
Ganz nebenbei geht es um Lerninhalte, Arbeitsweisen, Unterstützungsmöglichkeiten und Klassenorganisation.

Die Eltern sind aufgeregt. Sie sorgen sich um ihr Kind, haben schon die ersten ganz drängenden Fragen auf dem Herzen, sich über etwas sehr gefreut oder aufgeregt. Sie vertrauen mir ihr Kind an und möchten, dass ich weiß, was ich tue und die Lage im Blick und im Griff habe.
Vielleicht sind sie auch genervt, man liest ja in den sozialen Netzwerken, wie schlimm diese Abende sind und dass man sie gefühlt kaum übersteht…
Die einen sitzen aufmerksam auf der Stuhlkante, Block und Stift in der Hand und würden am liebsten die gesamte Power-Point-Präsentation mitschreiben, die anderen sitzen da und hoffen, nicht aufzufallen, die nächsten geben sich betont lässig bis arrogant und erwischen sich dann beim Spielen mit den Steckwürfeln und einem verträumten „Die hatten wir damals auch, die fand ich toll“.

Um die Eltern ankommen zu lassen, lese ich (wie so viele andere) den „Ernst des Lebens“ von Sabine Jörg und Ingrid Kellner vor. Die Bilder werden ohne Text an die Wand projiziert und es geht um das Genießen und Schmunzeln.
Im Austausch über Sorgen, Ängste, Wünsche, Hoffnungen, Freude merken die Eltern: Den anderen geht es genauso! Erleichterung macht sich breit, als ich zeige, dass es mir bei des Sohnes ersten Schulwochen damals ganz genauso ging.

Nach diesem so wichtigen Vorgeplänkel geht es ans Eingemachte: Die Informationen zu den Fächern.
Ich will den Eltern nicht nur transportieren, wie ich arbeite, wie die Kinder lesen, schreiben und rechnen lernen und wie sie zu Hause unterstützen können. Ich möchte ihnen auch verdeutlichen, welche Höchstleistungen ihre Kinder da gerade vollbringen. Einigen dämmert im Laufe meiner Erklärungen, warum ihre Kinder plötzlich wieder einen Mittagsschlaf brauchen oder abends so früh schon so müde oder gereizt sind.

Auch die Arbeitsweisen und die Differenzierung muss erläutert werden, denn im Gleichschritt können wir nicht mehr marschieren: Das eine Kind rechnet Aufgaben bis 20, kennt die Zahlen bis 100 und hat Spaß an Sudokus – das andere tut sich noch schwer bei Anzahlbestimmungen bis 5. Das eine Kind kann schon einige Wörter erlesen und schreiben, das andere kennt noch nicht einmal die Buchstaben seines Namens.
Geöffnet werden kann der Unterricht aber erst, wenn die Abläufe und Arbeitsweisen von den Kindern verinnerlicht sind.
Wenn dann geöffnet wird, befinden sich alle an unterschiedlichen Stellen – das muss man aushalten als Eltern. Die Vergleichbarkeit fehlt und das eine Kind bearbeitet z.T. andere Aufgaben als das andere Kind. Dass das nicht schlimm ist und ihr Kind nichts verpasst, das müssen auch die Eltern lernen.

Es braucht einige Geduld und viele beruhigende Worter und Erklärungen, um einigen Eltern klarzumachen, dass letztendlich ich die Fäden in der Hand halte und die vielen Bücher und Arbeitshefte schon zum passenden Zeitpunkt herausgebe und niemand mit einem Arm voller Bücher den Raum verlässt und einen ausgeklügelten Wochenend-Arbeitsplan entwickelt, um zu den Herbstferien schon den Stoff des ersten Schuljahres durchgearbeitet zu haben. Dies ist ein wenig überspitzt formuliert…ein klein wenig…ein klitzeklein wenig.

Das soziale Lernen, die Klassengemeinschaft und das Wohlfühlen des einzelnen Kindes in der Klasse sind mir immens wichtig. Also ist dies auch ein Schwerpunkt, den ich setze, indem ich meine Arbeitsweisen, das zu erreichen erläutere und die Eltern um Mitarbeit bitte. Leider sind die Eltern, an die genau diese Worte gerichtet sind nicht da… Das ist eigentlich immer so. Das ist schade.

Zu diesem Zeitpunkt haben wir die zwei-Stunden-Marke schon fast erreicht. Zunehmend machen sich Kinderstuhl-bedingte Unruhezustände bereit, ein sehr großer Vater muss aufstehen und sich hinstellen.

Nachdem ich die Geburtstags- und Adventsbräuche erklärt und um Mithilfe der Eltern an vielen Fronten gebeten habe, kommen wir zum für mich entspannten Teil des Abends: Die Pflegschaftswahlen. Dies ist die Zeit, in der das Fußboden-Muster auf einmal sehr interessant wird.

Da ich „Wiederholungstäter“-Eltern habe, die wissen, dass die Arbeit in der Elternpflegschaft keine ungeheure Bürde ist bei mir, finden sich schnell zwei fröhlich-motivierte Mütter. Die eine kenne und mag ich schon und traue ihr das Amt zu, die andere lässt sich von ihr mitziehen. Erleichtert ziehen wir die Sache mit der Wahl schnell durch und ich darf den Elternabend beenden.

Gut gestimmt und mit vollen Köpfen verlassen alle den Raum, einige suchen noch das Einzelgespräch.

Schließlich wird noch die Tradition des Jahrgangsteams gepflegt, aufeinander zu warten und uns noch kurz austauschen über das „Wie ist es gelaufen?“.

Am Ende fahre ich nach Hause, froh und erleichtert, es hinter mir zu haben, froh und erleichtert, dass mehr als die Hälfte der Kinder vertreten war und zuversichtlich, dass die Elternarbeit in den meisten Fällen schon gut laufen wird und die Eltern sicher nette Klassenfeste auf die Beine stellen.

Liebe Eltern!
Ja, Elternabende sind anstrengend und manchmal nervig.
Ja, vieles erachtet ihr vielleicht als überflüssig.
Ja, dieses blöde Amt will keiner haben.
Ja, den Abend könnte man schöner verbringen.
Aber: Es sind Eure Kinder.
Je mehr Ihr mit der Lehrerin an einem Strang zieht und Schule auf allen Ebenen unterstützt, desto höher ist die Chance, dass Euer Kind sich richtig wohl fühlen kann in der Schule. Eine wichtige Basis für Selbstbewusstsein und Lernerfolg.
Denkt beim nächsten Elternabend-Seufzen vielleicht mal daran und lächelt Euch durch den Abend. Denn die Hampelfrau da vorne könnte sich auch etwas schöneres vorstellen und freut sich, wenn ihr freundlich begegnet wird.

 

 

Dieses Großeltern-Eltern-Ding

Der Sohn und ich stehen an der Kasse eines großen Spielwarenladens.

Eine Frau betritt mit ihrer ungefähr zwölfjährigen Enkelin das Geschäft und redet mit der Verkäuferin.
Oma: „Wenn ich dieses 50€-Einhorn kaufe, kann ich das wieder zurückgeben?“
Verkäuferin: „Wie meinen Sie das?“
Oma: „Ich möchte das meiner Enkelin schenken. Aber wenn die Mama mal wieder dagegen ist, weil es größer und teurer ist, als wir das abgesprochen haben – kann ich es dann zurückgeben?“
Verkäuferin: „Mit dem Kassenbon und wenn Sie die Etiketten dran lassen, ja.“
Oma und Enkelin ziehen in Richtung der Kuscheltiere ab, die Enkelin steuert zielgerichtet auf ein großes Einhorn zu.

Diese Szene hat mich irritiert, noch eine Weile beschäftigt und ehrlich gesagt auch ein wenig erzürnt.

Wie kann diese Frau?!

Sie will der Enkelin eine Freude machen oder Pluspunkte sammeln und widersetzt sich wissentlich den Eltern des Kindes.

Noch mehr: Sie äußert sich der Enkelin gegenüber abfällig über deren Mutter.

Die Konflikte sind vorprogrammiert, werden der Familie auf dem Silbertablett vorgesetzt.
Die Eltern sehen ihre Prinzipien unterwandert und müssen entscheiden:
Konflikt und Zurückgeben des Kuscheltieres oder
Nachgeben und damit das Standing gegenüber Tochter und Mutter/Schwiegermutter unterspült sehen?
In jedem Falle eine Entscheidung mit üblem Nachgeschmack, die das Vertrauen in die Oma ein Stück weit bröseln lässt.
Wahrscheinlich weiter bröseln lässt.
Die Tochter wird die negativen Schwingungen spüren und ertragen müssen – bei aller Freude über das Kuscheltier wird sie in einem Zwiespalt stecken.
Die Oma verlässt die Familie später triumphierend („denen habe ich es gezeigt“) oder wütend („ist ja mal wieder typisch“), je nachdem, wie die Sache ausgeht. Positive, harmonische Gefühle sind es aber nicht.

Schlagfertig bin ich immer erst Stunden später und sowieso viel zu nett und zu höflich, um sofort in der Situation einzugrätschen. Deswegen muss ich das hinnehmen, gehen lassen und dankbar sein, dass Sohns Großeltern so einen Unsinn nicht veranstalten.

Menschen wie Buchdeckel

Man beobachtet einen Menschen, nimmt die Stimmung dieses Menschen wahr, interpretiert seine Körpersprache, zieht von Äußerlichkeiten Rückschlüsse….
…. und möchte gerne mehr lesen – wie ein einem Buch, dessen Klappentext schon so neugierig auf mehr gemacht hat.

Ich sitze in einem Café, in einer U-Bahn, auf einem Spielplatz, einfach irgendwo herum und kommuniziere gerade nicht.
Sitze und schaue.
Manchmal lasse ich die Menschen an mir vorbeitreiben, sehe die Vielfalt, grinse über Dinge in mich hinein, erfreue mich an fröhlichen Menschen, rege mich über etwas auf – das alles kommt und geht stetig.
Manchmal aber gerät ein Mensch in meinen Fokus und ich muss mich zwingen, nicht zu starren.

Die alte Frau, viel zu dick angezogen für das warme Wetter, mit Stützstrümpfen und Gehhilfe, die zerschlissene Handtasche an sich drückend. Sie bewegt sich langsam und gebeugt. Sie scheint in sich versunken. Nicht unbedingt traurig, auch nicht fröhlich, auch nicht verspannt – ein ruhiges Seufzen spüre ich. Und beginne micht zu fragen: Was hat sie mitgemacht? War sie verheiratet? Hat sie Kinder? Wie sah ihr Berufsleben aus? Reicht die Rente zum Leben? Hat sie Freundinnen, mit denen sie sich trifft? Lebt sie allein?

Oder das pubertierende Mädchen, das in einigem Abstand hinter ihren Eltern herschleicht, nicht neben ihnen gehen möchte. Fühlt sie sich wohl in ihrer Haut? Hat sie stabile Freundschaften? Ist das nur das normale Pubertier-Abstandsgehabe oder steckt mehr Distanz zu den Eltern dahinter? Was schreibt sie in ihr Tagebuch? Wo sieht sie sich in einigen Jahren, wenn die Schulzeit hinter ihr liegt?

Die Verkäuferin, die eine fröhliche Maske trägt. Hat sie Familie? Hat sie Kinder, womöglich pubertäts- oder sonstwie-bedingt gerade schwierige Kinder? Hat sie einen Partner, mit dem sie sich austauschen kann? Macht ihr Job ihr ein wenig Freude, so dass zumindest ein kleines Stück des Lächelns echt ist und sie auch innen lächeln lässt? Was sehnt sie sich herbei, wenn sie einen Augenblick ruhig stehen kann und ihre schmerzenden Füße oder den Rücken spürt?

Menschen wie Buchdeckel.
Irgendetwas zieht mich an, ich möchte mehr schauen.
Meine Phantasie schaltet sich ein, spinnt die Fragen weiter zu Szenen, die es so wohl nie gegeben hat oder geben wird.

Dann ist dieser gedehnte Moment vorbei, der Mensch aus meinem Blickfeld verschwunden oder etwas anderes in den Fokus gerückt.

Wenn ich irgendwann an diesem Tag wieder einen ruhigen Moment habe, denke ich an diesen Menschen zurück, nehme es wahr, dass ich diesen Buchdeckelblick hatte und lasse es ziehen. Wie eine Wolke zieht das gefühlte Bild dieses Menschen von dannen.

Ich erlebe das nicht täglich, auch nicht wöchentlich – nur gelegentlich, dann aber intensiv.
Anschließend frage ich mich: Haben andere auch solche Wahrnehmungen und Gedanken und sprechen einfach nicht darüber – genau wie ich?
Gerate ich auch auf diese Weise in den Fokus fremder Menschen?
Was nehmen sie wahr, welche Fragen drängen sich ihnen auf – wohin spinnen ihre Gedanken sich weiter?

Kennt ihr so etwas oder schüttelt ihr den Kopf und wisst gar nicht, wovon ich rede?