gewachsen-erwachsene Blicke auf Worte

Tomorrow, and tomorrow, and tomorrow,
Creeps in this petty pace from day to day,
To the last syllable of recorded time;
And all our yesterdays have lighted fools
The way to dusty death. Out, out, brief candle!
Life’s but a walking shadow, a poor player
That struts and frets his hour upon the stage,
And then is heard no more: it is a tale
Told by an idiot, full of sound and fury,
Signifying nothing.
(Macbeth in “ Macbeth“ von W. Shakespeare, Act V, SceneV)

Englisch-Leistungskurs in der Oberstufe. Frau D. zwang uns förmlich, dieses Zitat auswendig zu lernen. Sonst legte sie nie so großen Wert auf so etwas, aber bei diesem Zitat, in dieser Unterrichtseinheit war ihr das extrem wichtig.
Wir taten es, sagten es brav vor dem ganzen Kurs auf, so richtig erschloss sich der Sinn unseren jugendlichen Gemütern damals aber wohl nicht.

Mehr als zwanzig Jahre später habe ich dieses Zitat noch im Kopf und es taucht immer mal wieder auf.
Jede Falte, jedes Zipperlein im Rücken, jedes graue Haar, jede Nachricht von Krankheit und Tod und vor allem jede Trauerfeier oder Beerdigung rufen mir diese doch so wahren Worte wieder ins Gedächtnis.
Ein Verwandter sagte bei der Beerdigung seines Schwiegervaters vor einigen Jahren „Jetzt rücken wir in die erste Reihe vor“, seine Frau hat mit Mitte Fünfzig auch diese bereits hinter sich gelassen, schneller als wir alle dachten.

Wir geben hier im Leben nur ein Gastspiel, bevor wir weg sind. Hoffentlich hinterlassen wir Spuren bei einigen Menschen und leben in deren Herzen weiter, aber auch die beenden ihr Gastspiel irgendwann und dann sind wir bestenfalls nur noch ein Name irgendwo auf irgendwelchen unwichtigen Papieren oder in unlesbaren Dateien.

So dreht sich das Rad seit unzähligen Jahren und so wird es sich noch weiter drehen.
Das ist ein wenig traurig, ein wenig beruhigend und ein wenig beeindruckend.

Ich bin froh und dankbar, dass die Bedeutung dieser Zeilen sich mir erst mit Mitte-Ende zwanzig zu erschließen begann, heißt es doch, dass ich bis dahin keine größeren Katastrophen in meinem Leben zu verarbeiten hatte.

Es liegt an uns, was wir aus unserem Sein auf Erden machen und ob wir dieses Schlaglicht-auf-der-Bühne-des-Lebens-Sein mit Verbitterung oder mit Dankbarkeit betrachten.
Es liegt an uns, wie häufig wir Schauspieler hinter Masken verborgen sind, wie häufig wir funktionierende Marionetten sind und wie häufig wir versuchen, wir selbst zu sein und uns selbst zu spüren.
Eine der größten Aufgaben des Lebens, eine der schwersten Aufgaben des Lebens.

2 Gedanken zu „gewachsen-erwachsene Blicke auf Worte“

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