Gefühlsgedöns im Alltag

Eine kleine Episode nur und doch nimmt sie mich den ganzen Tag mit.

Ein entspannter Sonntag ist es. Der Tag hatte einen gemütlichen Start und sollte sich mit Besuch bei der Schwiegerfamilie am Nachmittag gut gelaunt fortsetzen.

Noch im Schlafanzug öffnete ich gegen Mittag der Nachbarin die Tür, die nur kurz etwas zurückgeben wollte. Da man sich eine Zeit nicht gesehen hatte, fragte ich, wie es ihr geht.
Eigentlich wollte ich schon das nicht. Die Zeit bis zur Abfahrt hatte noch einige Punkte auf der To-do-Liste und ich weiß, dass diese Frage eine lange Antwort nach sich ziehen kann bei dieser eigentlich sehr liebenswürdigen Frau.
So war es dann auch. Sie redete und redete, regte sich über etwas auf, die Stimme wurde immer lauter, knallte mir in den Ohren und die Nachbarin kam von Hölzchen auf Stöckchen.
Ganze viermal sagte ich so etwas wie „So, ich muss dich jetzt leider abwürgen, ich habe noch zu tun.“ und schob die Haustür immer ein Stück weiter zu. Das war nicht von Erfolg gekrönt und erst nach einer gefühlten Ewigkeit und einem „Knopf an der Backe“ ging sie ihrer Wege.

Pfutsch war sie, die Sonntagsruhe. Eben noch entspannt, ruhig und fröhlich war ich nun angespannt, kribbelig und genervt.
Und ich konnte mich eine ganze Zeit nicht herunterfahren.
Nicht nur das, ich habe mich so verspannt, dass ich anfing, die Kiefer aufeinanderzupressen.

Erst während der Autofahrt beruhigte ich mich wieder.

Warum ist das so?, frage ich mich seitdem. Den ganzen Tag schon kreisen meine Gedanken darum.
In solcher Deutlichkeit ein Gespräch zu beenden, verbal und nonverbal so eindeutige Zeichen zu setzen, habe ich mir über viele Jahre erarbeitet. Inzwischen habe ich meistens das Gefühl ich habe einen Weg gefunden, meine Grenzen aufzuzeigen, ohne den Leuten vor den Kopf zu stoßen.
In diesem Falle aber war ich schon unhöflich und es kam trotzdem nicht an.

Ich fühlte mich also schlecht, weil ich so unhöflich war.
Ich fühlte mich schlecht, weil das kleine Mädchen in mir ja dazu erzogen wurde, immer freundlich zu sein und niemanden vor den Kopf zu stoßen.
Ich fühlte mich aber auch schlecht, weil ich genervt war und meine Grenzen übertreten sah.
Dieses Schlechtfühlen von zwei Seiten aus führte zu meiner Unruhe und zu Stress.

Lösen kann ich das nicht, noch nicht. Ich werde wohl immer mal wieder in solche Situationen geraten, beruflich und privat.
Ich habe nur die Hoffnung, dass ich durch Bewusstmachung und Reflexion irgendwann gelassener mit solchen Situationen umgehe und sie verarbeite.

Alles hat seine Zeit

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde
Prediger 3, 1

Erwachsen werden hat seine Zeit,
Eltern werden hat seine Zeit,
das Älterwerden der Eltern hat seine Zeit…

Gesprächsinhalte.
Irgendwann haben sie sich geändert, schleichend und unbemerkt.

Ausbildung, das Ankommen im Beruf, Stellenwechsel, Zukunftsperspektiven, Wohnorte, Beziehungen, Hochzeiten.

Sie wurden abgelöst von sesshaft Werden, Kinder in die Welt setzen, ersten Ehekrisen und -trennungen, Hausbau oder Wohnungskauf, Urlaubsorten, Autokäufen.
Dominierend waren hier die Kinder, die Entwicklung der Kinder, die Sorgen, die Freuden, die Besonderheiten.

Das ist auch immer noch da, das Gesprächsthema Nachwuchs.
Aber bei immer mehr Freunden schleicht sich das Älterwerden der Eltern ein und die damit verbundenen Sorgen, Gedanken und Aufgaben.

Krebs, Parkinson, Demenz, Pflege, Tod, zurückgebliebene Elternteile, Beerdigungen und die damit verbundenen Gefühlskomplikationen und Trauerphasen werden kommuniziert und mitgetragen. Dies wirft auch immer wieder auf die eigene Familie zurück und bringt den sorgenvollen Blick in die Zukunft mit sich.
Wie wird es weitergehen?
Wie wird man sein Leben darauf ausrichten, wie das Ganze verarbeiten können?
Wie wird sich die Beziehung zu den Geschwistern ändern, wenn die Eltern nicht mehr da sind?

Nicht zuletzt denkt man weiter.
Wie wird man selbst seinen sogenannten Lebensabend verbringen?
Wie werden unsere Kinder über uns sprechen?
Wie gebrechlich werden wir sein?
Wie „fit im Kopf“ sind wir dann noch?
Wo leben wir?
Sind wir glücklich?

Niemand kann diese Fragen beantworten.
Diese Antworten wird die Zeit mit sich bringen.
Unweigerlich.

Es ist gut so, dass man darüber redet mit dem Partner, mit Freunden.
Denn dann wird man auch in den akuten Situationen reden können und sich aufgefangen fühlen.
Und so beruhigt kann man wieder ins Jetzt zurückkehren und das Leben leben.
Denn es ist schön, das Leben.

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mein Nein

Auf Twitter wurde ich es los und konnte es damit ein wenig loslassen.
Es bewegt mich jedoch noch, wie sehr mich dieses Nein-Sagen und die damit verbundenen Gefühle mitgenommen und fast den ganzen Tag begleitet haben.

Mein Nein ist sehr berechtigt und mehrfach begründet.
Aber es zieht Konsequenzen nach sich.
Konsequenzen, für die ich nicht verantwortlich bin.
Hätte man mich früher gefragt, hätte man es anders kommuniziert, hätte man es direkt kommuniziert und nicht dritte fragen lassen… ich hätte wohl Ja gesagt. Weil es eine gute und wichtige Sache ist.
Konsequenzen, für die ich nicht verantwortlich bin.
Sagt der Kopf.
„Wenn du nicht mitmachst, ist die Sache weniger rund.“, sagt das Herz.
„Das könntest du ja wohl tun – für die Kinder.“, sagt das liebe kleine Charlottchen.

Dieses harmoniebedürftige, brave, immer funktionierende, zu allem leicht zu überredende innere Kind brachte mich dazu, mein Nein in aller Ausführlichkeit zu begründen und ein schlechtes Gewissen zu haben.

Ein schlechtes Gewissen habe ich auch, weil jetzt jemand gefragt wird, die nicht Nein sagen kann und es machen wird, obwohl sie schon am Limit läuft.

Das hat mich in eine Anspannung gebracht, die sich an falscher Stelle entlud und mich einschränkte in meinem Tagesablauf.
Aus der Anspannung wurde Wut. Wut auf mich, die sich rechtfertigt, Wut auf die schon länger anstrengende Art der Kommunikation und Aufgabenverteilung.
Aus der Wut wurde wieder nur Anspannung.
Aus der Anspannung wurde Kopfschütteln.
Aus dem Kopfschütteln wurde Lächeln.

Lächeln, weil ich Nein gesagt habe.
Lächeln, weil ich meine Gründe für das Nein genannt und es durchgezogen habe.
Lächeln, weil ich mal nicht jedem gefallen wollte, sondern das Risiko eingehe, dass andere enttäuscht sind von mir.
Lächeln, weil ich auf mich geachtet und mein Gleichgewicht geschützt habe.

Kleine Schritte gehen. Nacheinander.
Irgendwann kann ich berechtigt Nein sagen und nicht angespannt sein.
Ich vertraue mir, dass ich den Weg weiter gehe.

 

 

Gefühlskater

 

 

Dieser Begriff schlich mir in die Gedanken, schwer und tropfend schlich er sich ein.

Die Zeit zuvor hatte ich auf einer Gefühlswelle zugebracht. Diese Welle nahm mich mit, Zeit zum Durchatmen blieb keine.

Da gab es Anlässe zum Feiern, die Fragen und aufwühlende Gedanken mit sich führten.
Wie lange werden wir noch mit dieser Person feiern können?
Wie wird die nächste Feier mit dieser Person sich gestalten?
Wo wird der Weg diesen jungen Menschen hinführen?
In diesen Fragen bekam ich das eigene Voranschreiten auf den Wegen des Lebens vor Augen geführt.
Eine neue Situation in der Herkunftsfamilie, die ihre eigenen Wege des Umgangs fordert – Wege, die noch nicht beschritten sind und Neuland für alle darstellen.

Schließlich dann aufwühlende Tage im Kollegium, eine Situation, die Gefühlswellen unterschiedlicher Art hochpeitschte.
Mein Wunsch, diesen Wellen angemessen-kollegial zu begegnen und doch selber auch meine Fassungslosigkeit und Enttäuschung wahrzunehmen und meinen Gefühlen Ausdruck geben zu können.

Diese Wellen überrollten mich nicht, aber sie nahmen mich mit, unweigerlich und in ihrer eigenen Dynamik.
Ich nahm meine so verschiedenen intensiven Gefühle deutlich wahr, kommunizierte sie, ließ sie zu und wusste, es werden bald schon ausgeglichenere Zeiten kommen.

Die Welle ebbte ab, beruhigte sich zu einem angenehmen Plätschern.
Zurück blieb dieser Gefühlskater, der mich auf der Schulter sitzend begleitete.
Er machte mich dumpf und müde, gefühlsmüde. Ermattet schaute ich mir selbst beim Durchschreiten des Tages zu, wusste aber: Morgen wird es besser, die hohen Wellen sind einem schönen, überschaubaren Wellengang gewichen.

Vorerst zumindest.

Weitere Gefühlswellen werden kommen, manchmal schier endlos aneinandergereiht.
Weitere Gefühlskater werden kommen und mich die Welt für eine kurze Zeit wie durch Watte betrachten lassen.

Das ist gut so, denn ein Leben ohne Gefühle wäre kein Leben.

 

 

Meeressehnsucht

Das Sein am Meer als Entspannung, Erdung, in-sich-selbst-Ankommen.
Es geht nicht nur mir so, das habe ich spätestens mit Twitter gelernt.
Aber warum geht es mir so?
Die Familien-Reisen als Kind führten mich selten ans Meer, immer in die Berge – zum Wandern. Die Sache mit der Konditionierung seit Kindertagen entfällt also bei mir.
Der Blick auf das Meer ist weit, Grenzen sind nicht zu erkennen. Man weiß, hinter diesem Horizont geht es weiter mit dem Wasserwasserwasserwasser.
Ein Wind weht immer am Meer, zumindest an den norddeutschen Küsten. Es ist ein irgendwie spezieller Wind, der trübe Gedanken wegpustet.
Manchmal, beim Spazierengehen, sagt der Sohn „Das ist ein Wind wie an der See.“ und meistens fühlt sich das für mich auch so an.
Diese Salzluft macht auch etwas mit mir, sie riecht nach Entspannung, nach wegtragen-Lassen.
Das Rauschen von Wellen, kleinen und großen, beruhigt und stellt eine schöne Hintergrundmusik dar. Sehr große Wellen beeindrucken und schüchtern ein, aber sie haben in ihrem gewaltigen, unnachgiebigen Auflaufen auch etwas Schönes.
Abgesehen von schön-anstrengenden Klassenfahrten war ich immer nur mit mir nahe stehenden, wichtigen Menschen am Meer. Man hatte Zeit für Gespräche, Scherzen, Lachen, Spielen. Auch so etwas klinkt sich nach und nach in den roten Faden ein.
Meine Erfahrungen mit Meer haben mit Entspannung, Gedankentrudeleien, Urlaub, Zeit für Familie, Sozialkontaktpflege und Bücher zu tun. Positive emotionale Zustände, die man sich häufig herbeiwünscht.
Die Sinne werden am Meer anders angesprochen, man nimmt sich Zeit, sich anders ansprechen zu lassen als im Alltag.
Diese Meeressehnsucht lässt sich also ganz logisch erklären.

Aber wisst Ihr was: Das „warum“ ist egal.
Ich freue mich auf unseren Urlaub am Meer im Sommer und sehne dieses Im-Jetzt-Sein schon sehr herbei.