Alltagsexplosionen

Der Schultag ist durchgeplant. Ich habe viel vor für die Stunden, die ich in meiner ersten Klasse bin. Nicht nur „Deutsch“ und „Mathe“ sollen heute mit Inhalt gefüllt werden, es soll auch um das soziale Lernen und kooperatives Arbeiten gehen. Gut gelaunt und zuversichtlich mache ich mich auf den Weg.

Sergej hat heute Geburtstag.
Daran werde ich beim Betreten der Klasse erinnert, als ein strahlender Sergej im weißen Hemd und eine strahlende Sergej-Mama mich begrüßen. Als sie zur Seite treten, offenbaren sie den Blick auf ein Tablett, dessen Anblick mir erklärt, warum die übrigen Erstklässler wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm durch die Klasse wuseln: Überraschungseier, Schokokekse, Kaubonbons, Luftballons…vieles, was das Kinderherz begehrt.

Nicht nur das.
Als ich Sergej herzlich zum Geburtstag gratuliere, überreicht er mir eine Schachte Pralinen: „Für dich, Frau C., weil du so eine nette Lehrerin bist.“

Gerührt bedanke ich mich bei Kind und Mutter und bringe das Tablett mit den Süßigkeiten in Sicherheit vor den kreisenden Erstklässler-Raubvögeln. Erst einmal muss Sergejs Geburtstag gefeiert werden.

Wir treffen uns im Sitzkreis, reichen das Klassentier herum und jedes Kind wünscht Sergej etwas. Einige schaffen ein „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“, andere haben schöne, zugewandte, persönliche Wünsche für den Jungen. Ein sonst sehr ruhiger Schüler, der aufgrund seines Migrationshintergrundes sprachlich noch seine Schwierigkeiten hat, treibt mir fast die Tränen in die Augen. Er spricht für seine Verhältnisse sehr lange und überhäuft Sergej mit Komplimenten zu seinen Fähigkeiten und Vorzügen im Sozialen. Sprachlich geglättet: „Du bist nicht böse zu anderen Kindern, du spielst ganz toll mit allen, du freust dich so, wenn dir etwas gelingt. Ich freue mich, dass wir in einer Klasse sind.“

Nach dem Standard-Zukowski ist es endlich soweit: Alle setzen sich auf ihren Stuhl und Sergej darf mit dem Tablett die Runde machen. Er macht es spannend. Pro Runde darf sich jedes Kind zwei Teile nehmen. Das ist wohl bedacht von Sergej, damit die besten Süßigkeiten nicht sofort weg sind.

Nun tauchen neue Probleme auf: „Ich darf keine Nüsse“ und „Ich darf keine Gelatine“. Die Idee, eine Süßigkeiten-Tauschbörse zu veranstalten kommt schnell.
Die Stimmung steigt, es wird langsam turbulent. Ich sitze auf der Fensterbank und sehe dem Treiben amüsiert zu und muss lachen, als Sergej ein Paket Kaubonbon in die Luft hält und laut ruft: „Wer weiß es, ist das ein Schwein?“

Natürlich muss auch etwas verzehrt werden, ob wirklich alle Kinder nur eine Süßigkeit essen, wie von mir vorgegeben… nunja, wir waren alle mal Kinder. Luftballons werden aufgeblasen und tatsächlich in Teamarbeit zugeknotet.
Plötzlich spielen alle mit großem Hallo das „Halte den Luftballon in der Luft“ auf dem Teppich.

Von der ersten Stunde bleiben jetzt noch genau fünf Minuten. Seufzend und meine Tagesplanung durchkreuzend schicke ich alle zum Toben und Durchatmen auf den Schulhof.

Die Übungen zum sozialen Lernen muss ich wohl über den Haufen schmeißen.
Doch halt.
Die Übungen zum sozialen Lernen haben die Schüler heute selbst gestaltet.
Sie werden im Gedächtnis bleiben.
Sie werden zu einer „Weißt du noch?“-Sache für die Klassengemeinschaft.

Mein Unterricht wurde durch eine Geburtstagsexplosion gekippt und trotzdem wurde das Ziel irgendwie erreicht.
Stolz auf diese niedliche Rasselbande schlendere ich auf den Schulhof und möchte dieses Erlebnis teilen.

3 Gedanken zu „Alltagsexplosionen“

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