Für mehr Milchschaumgeknister

Die letzten Wochen waren voll, ja.
Die letzten Wochen waren streckenweise auch anstrengend, ja.
In den letzten Wochen fühlte ich mich ab und an gehetzt, ja.
In den letzten Wochen dachte ich, die zu erledigenden Dinge türmen sich zu hoch auf, ja.

Aber die letzten Wochen hatten auch viele schöne Momente.
Mit meiner Familie.
Mit meiner Musik.
Mit Büchern.
Mit Freunden.
Mit meiner Klasse.
Mit meinen Kolleginnen.
Ich hatte genug Lächelmomente, ja!

Und dann sitze ich da am Samstag Morgen mit meinem Kaffee.
Ganz allein.
Nur der Kaffee, das Draußendunkel, der Nebel und ich.
Stille.
Stille, in der ich den Milchschaum knistern höre.
Stille, die ummantelnd und zunächst ohrenbetäubend um mich wabert.
Stille.
Stille, deren Wahrnehmung mir aufzeigt, dass es die letzten Wochen ziemlich laut um mich war.
Stille, die sich langsam freundlich ausbreitet und mich sein lässt.
Mehr nicht: In der Stille sein.

Diese Kaffeetasse voll Stille, die ich so sehr bewusst wahrnehme, zeigt mir, dass diese Sache mit der Achtsamkeit schon seinen sinnvollen Grund hat.
Vielleicht komme ich mit diesen Gedanken einen Schritt näher auf dem Weg, die kleine Stille im Alltag wahrzunehmen, damit ich im Laut nicht vergesse, wie schön Stille ist.

Romys Salon – eine Empfehlung

Eine Gedönsabteilung in meinem Kopf beschäftigt sich seit mehreren Monaten mal mehr und mal weniger intensiv mit dem Thema Demenz.
Es ist nicht leicht, einem (dem noch verbleibenden) Elternteil beim Verschwinden zuzusehen, die dazugehörenden Phasen von Aggression, Depression, Hoffnungslosigkeit, sich-hängen-Lassen mitzuerleben und im Grunde nichts tun zu können. Oft genug ist man wieder das Kind, fühlt sich ausgeliefert und erlebt Dinge, die man denkt, hinter sich gelassen zu haben. Dann wiederum muss man die sein, die sich kümmert, fühlt sich aber vollkommen überfordert damit.

Auch der Sohn bekommt das mit – die Oma, die Dinge immer wieder erfragt, die sie wissen sollte, die Unterhaltungen nicht folgen kann. Sicher spürt er eine Unsicherheit im Umgang mit ihr, genauso aber spürt er wohl meine Unsicherheit in der Sache.

Als er mich bat, ein Buch zu kaufen, das im Kinderradio empfohlen wurde, war ich nur allzu bereit dazu.
Nach der gemeinsamen Lektüre dieses Buches möchte ich es weiterempfehlen.

„Romys Salon“ von Tamara Bos.
„Nach der Schule geht Romy zu Oma Stine. Manchmal hilft sie ihr im Frisiersalon. Doch in letzter Zeit ist Oma anders, sie vergisst vieles, spricht auf einmal Dänisch und erzählt immer wieder von ihrer Kindheit in Dänemark und von den Ferien am Meer. Romy unterstützt ihre Oma, wo sie kann, damit keiner etwas merkt. Eines Tages steht OMa Stine plötzlich im Nachthemd im Salon…“

… und das ist erst der Anfang.
Romy erlebt und betrachtet in diesem liebevoll gestalteten Buch die Entwicklung, die ihre Oma nimmt. Die bisher eher distanzierte Beziehung nimmt an Zuneigung und Fröhlichkeit zu. Gleichzeitig ist Romy in vielen Situationen verunsichert. Sie versucht, aufzufangen, zu überdecken und zu vertuschen. Schließlich steht sie selbst im Salon und macht einer Stammkundin die Haare, weil Oma oben in der Wohnung sitzt und sich nicht finden kann.

Für Romy kommt erschwerend hinzu, dass sie unter der noch nicht lang zurückliegenden Scheidung der Eltern und deren Kommunikation untereinander leidet. Sie wünscht sich im Grunde, dass alles wieder so wird wie früher.

Romy wächst mit diesen emotionalen Anforderungen.
Mehr als ihren Eltern, vor allem ihrer Mutter, gelingt es ihr, mit der dementen Oma angemessen umzugehen, sie so zu nehmen, wie sie ist, ihre Gefühle und Bedürfnisse zu aktzeptieren.

Spoilern möchte ich nicht, nur soviel: Es wird richtig spannend im letzten Drittel des Buches. Bedrückend auch – aber oft genug auch lustig – was Romy und Oma Stine auf einem Road-Trip erleben.
Das Buch endet nicht mit einem Happy End, das wäre unrealistisch. Es endet aber auch nicht drastisch-unverdaubar, dafür ist es noch genug Kinderbuch.

Dieses Buch ist in meinen Augen ein sehr gutes problemorientiertes (Kinder-)Buch.
Kinder können sich mit Romy identifizieren, Erwachsene aber auch.
Erwachsene finden sich aber auch in der Alltagsgehetztheit und Kurzsichtigkeit der erwachsenen Protagonisten wieder und haben Gelegenheit, ihr eigenes Verhalten, Denken, Fühlen zu reflektieren.

Dieses Buch bietet viele ernst-bedrückende Passagen, oft genug gibt es aber auch Anlass zum befreiten Lachen. Dies nimmt den traurigen Inhalten etwas die Schwere.
Diese gelungene Mischung erleichtert das Reden über das Buch, über Demenz und die eigenen Gefühle und Gedanken im Umgang mit diesem Thema.

Ich empfehle dieses Buch wärmstens allen, die sich mit Demenz beschäftigen und mit Kindern darüber reden wollen.
Lest es und wachst ein wenig daran.

 

Tamara Bos: Romys Salon
Gerstenberg Verlag, Hildesheim, 2018
174 Seiten
Zum Vorlesen und Selberlesen gleichermaßen geeignet.

Musik – aber bitte nur schön

Ich bin irritiert.
Ich bin irritiert, wenn ich Aussagen von einigen Eltern höre, die über musizierende Kinder sprechen.
Sehr irritiert, weil ich sie nicht verstehe.

Musik ist etwas Schönes.
Musik ist etwas Besonderes.
Musik macht etwas mit mir.
Musik ist Genuss.
Jemand, der sein Instrument beherrscht, die Musik mit dem Körper lebt, hat meine vollste Bewunderung.

Bis jemand so weit ist, dass andere seine Musik genießen können, dauert es.
Das ist nun einmal so.
Viele Minuten und Stunden des Übens, der Misstöne, des holzig-Klingens, des Gefühls, das Stück sperre sich, angemessen gespielt zu werden.

Und gerade diese Zeit des Übens und Wachsens scheint viele Eltern total zu nerven.
Das ist das Irritierende für mich.

Alle sagen gern „mein Kind spielt Klavier oder Geige oder hastdunichtgesehen“.
Alle würden gern sagen: „Mein Kind hat einen Preis gewonnen, wurde auserkoren, in einem Orchester zu spielen oder sonst etwas stolz machendes.“
Einige von denen sagen: „Ich kann dieses Gequietsche und diese ständigen Wiederholungen nicht ausstehen!“
Einige tun dies in epischer Breite und in Anwesenheit des Kindes.
Das irritiert mich und manchmal macht es mich wütend.
Mein Argument „Um etwas zu können, muss man es üben.“ wird weggewischt mit „Aber doch nicht so nervig!“

Oder so etwas: „Ich habe meinem Kind gesagt: Du darfst alle Instrumente spielen, nur nicht Geige, Horn oder Schlagzeug, am besten Keyboard, da kann man Kopfhörer anschließen.“

Die Krönung war eine Mutter, die ich aus Kinderturnenzeiten kenne.
Ich traf sie neulich vor der Musikschule, wir unterhielten uns. Als sie hörte, dass der Sohn und ich Schüler dort sind, rief sie geschockt aus: „Oh mein Gott! Dein Sohn Schlagzeug und du Klavier! Wie gut, dass ihr nicht unsere Nachbarn seid!“
Auch das ließ mich äußerst irritiert zurück.

Was ist das für ein Blick auf das Kind, auf seine Entwicklung?
Welchen Stellenwert hat das Reifen der Persönlichkeit des Kindes, wenn man ihm unter die Nase reibt, dass dieser Aspekt jetzt schon ziemlich nervt?

Diese Irritation hält an.
Aber ich weiß, dass das nur wenige Eltern sind.
Die meisten Eltern, die ich kenne, unterstützen ihr Kind und ertragen es gern, dass es übt und freuen sich über Fortschritte.
Danke an diese Eltern.
Machen wir weiter so und tragen die Musik unserer Kinder im Herzen.

Veränderung

Denn tatsächlich ist unsere Persönlichkeit nicht in Stein gemeißelt. Sie ändert sich. Selten von jetzt auf gleich und selten von einem Extrem zum anderen, aber eben auch selten gar nicht. Denn die Situationen, die wir erleben, wirken auf uns zurück. Die Menschen, auf die wir treffen, prägen uns ebenso, wie wir unsere Mitmenschen prägen. Und unser Lebensweg eröffnet uns weitere Chancen und Herausforderungen, die uns verschlossen oder von denen wir verschont geblieben wären, hätten wir einen anderen Weg eingeschlagen.

Jule Specht in der Psychologie Heute, Heft Juli 2018

Ist das nicht fantastisch?
Zurückblicken und Änderungen sehen, sich im besten Falle an ihnen erfreuen.
Die noch nicht erkennbaren Wege der Zukunft vage wahrnehmen und sich freuen, was auf ihnen noch alles geschieht, welche Veränderungen sie mit sich bringen.

Freuen am Wachsen und freuen auf das Weiterwachsen.

Gefühlsgedöns im Alltag

Eine kleine Episode nur und doch nimmt sie mich den ganzen Tag mit.

Ein entspannter Sonntag ist es. Der Tag hatte einen gemütlichen Start und sollte sich mit Besuch bei der Schwiegerfamilie am Nachmittag gut gelaunt fortsetzen.

Noch im Schlafanzug öffnete ich gegen Mittag der Nachbarin die Tür, die nur kurz etwas zurückgeben wollte. Da man sich eine Zeit nicht gesehen hatte, fragte ich, wie es ihr geht.
Eigentlich wollte ich schon das nicht. Die Zeit bis zur Abfahrt hatte noch einige Punkte auf der To-do-Liste und ich weiß, dass diese Frage eine lange Antwort nach sich ziehen kann bei dieser eigentlich sehr liebenswürdigen Frau.
So war es dann auch. Sie redete und redete, regte sich über etwas auf, die Stimme wurde immer lauter, knallte mir in den Ohren und die Nachbarin kam von Hölzchen auf Stöckchen.
Ganze viermal sagte ich so etwas wie „So, ich muss dich jetzt leider abwürgen, ich habe noch zu tun.“ und schob die Haustür immer ein Stück weiter zu. Das war nicht von Erfolg gekrönt und erst nach einer gefühlten Ewigkeit und einem „Knopf an der Backe“ ging sie ihrer Wege.

Pfutsch war sie, die Sonntagsruhe. Eben noch entspannt, ruhig und fröhlich war ich nun angespannt, kribbelig und genervt.
Und ich konnte mich eine ganze Zeit nicht herunterfahren.
Nicht nur das, ich habe mich so verspannt, dass ich anfing, die Kiefer aufeinanderzupressen.

Erst während der Autofahrt beruhigte ich mich wieder.

Warum ist das so?, frage ich mich seitdem. Den ganzen Tag schon kreisen meine Gedanken darum.
In solcher Deutlichkeit ein Gespräch zu beenden, verbal und nonverbal so eindeutige Zeichen zu setzen, habe ich mir über viele Jahre erarbeitet. Inzwischen habe ich meistens das Gefühl ich habe einen Weg gefunden, meine Grenzen aufzuzeigen, ohne den Leuten vor den Kopf zu stoßen.
In diesem Falle aber war ich schon unhöflich und es kam trotzdem nicht an.

Ich fühlte mich also schlecht, weil ich so unhöflich war.
Ich fühlte mich schlecht, weil das kleine Mädchen in mir ja dazu erzogen wurde, immer freundlich zu sein und niemanden vor den Kopf zu stoßen.
Ich fühlte mich aber auch schlecht, weil ich genervt war und meine Grenzen übertreten sah.
Dieses Schlechtfühlen von zwei Seiten aus führte zu meiner Unruhe und zu Stress.

Lösen kann ich das nicht, noch nicht. Ich werde wohl immer mal wieder in solche Situationen geraten, beruflich und privat.
Ich habe nur die Hoffnung, dass ich durch Bewusstmachung und Reflexion irgendwann gelassener mit solchen Situationen umgehe und sie verarbeite.