Alles hat seine Zeit

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde
Prediger 3, 1

Erwachsen werden hat seine Zeit,
Eltern werden hat seine Zeit,
das Älterwerden der Eltern hat seine Zeit…

Gesprächsinhalte.
Irgendwann haben sie sich geändert, schleichend und unbemerkt.

Ausbildung, das Ankommen im Beruf, Stellenwechsel, Zukunftsperspektiven, Wohnorte, Beziehungen, Hochzeiten.

Sie wurden abgelöst von sesshaft Werden, Kinder in die Welt setzen, ersten Ehekrisen und -trennungen, Hausbau oder Wohnungskauf, Urlaubsorten, Autokäufen.
Dominierend waren hier die Kinder, die Entwicklung der Kinder, die Sorgen, die Freuden, die Besonderheiten.

Das ist auch immer noch da, das Gesprächsthema Nachwuchs.
Aber bei immer mehr Freunden schleicht sich das Älterwerden der Eltern ein und die damit verbundenen Sorgen, Gedanken und Aufgaben.

Krebs, Parkinson, Demenz, Pflege, Tod, zurückgebliebene Elternteile, Beerdigungen und die damit verbundenen Gefühlskomplikationen und Trauerphasen werden kommuniziert und mitgetragen. Dies wirft auch immer wieder auf die eigene Familie zurück und bringt den sorgenvollen Blick in die Zukunft mit sich.
Wie wird es weitergehen?
Wie wird man sein Leben darauf ausrichten, wie das Ganze verarbeiten können?
Wie wird sich die Beziehung zu den Geschwistern ändern, wenn die Eltern nicht mehr da sind?

Nicht zuletzt denkt man weiter.
Wie wird man selbst seinen sogenannten Lebensabend verbringen?
Wie werden unsere Kinder über uns sprechen?
Wie gebrechlich werden wir sein?
Wie „fit im Kopf“ sind wir dann noch?
Wo leben wir?
Sind wir glücklich?

Niemand kann diese Fragen beantworten.
Diese Antworten wird die Zeit mit sich bringen.
Unweigerlich.

Es ist gut so, dass man darüber redet mit dem Partner, mit Freunden.
Denn dann wird man auch in den akuten Situationen reden können und sich aufgefangen fühlen.
Und so beruhigt kann man wieder ins Jetzt zurückkehren und das Leben leben.
Denn es ist schön, das Leben.

„Alles hat seine Zeit“ weiterlesen

schlafschafgedanken

„und nu‘?“, fragt das eine schlafschaf.
hm?„, fragt das andere schlafschaf.
„nun, der spot ist an. wir stehen im rampenlicht.“
das tun wir seit mehr als zwei jahren.
„ja, aber nur in einem kleinen tweetkasten. diese bühne ist größer.“
ach.
„was, ach?“
die fressen doch auch alle nur gras.
„schon gut, aber trotzdem: sie gucken.“
dann mal los.
„weißt du….? manchmal frage ich mich ja schon, warum wir das hier machen.“
wir sind halt so passiert.
„meinst du, es gab uns nicht schon vorher?“
in der gedankenschatzkiste, die tief in der seele vergraben ist gab es uns bestimmt.
„wie jetzt?“
wir leben in einem kopf und aus ihm heraus.“
„wir leben in einem stall, in unserem schlafschafstall.“
aber der existiert im kopf.
„unser stall steht auf einer wunderschönen wiese mit bäumen und einem bach.“
auch der eine kopfsache.
„und unser schlafschafwächter?“
ein sehnen nach dem umkümmert werden und dem behütet sein.
„brauchen die menschen das?“
ja.
„warum?“
diese sehnsucht trägt jeder in sich.
„und wenn sie von unserem umkümmert werden lesen, freuen sie sich?“
vielleicht. ja.
„aber der schlafschafwächter kommt nicht jeden tag…..“
nein, wir sind groß und leben und sind glücklich, wir kümmern uns ganz oft selbst gut um uns. dann schaut der schlafschafwächter vielleicht zu, aber er muss nichts machen.
„was ist mit dem sommerwieseträumeland? auch nur eine kopfsache, ich weiß, aber warum ist es nicht ein winterwunderland?“
weil der kopf, der uns denkt, die sonne und die wärme liebt.
„wären wir in einem anderen kopf, wären wir anders?“
bestimmt.
„jeder kopf, jede seele ist anders?“
ja.
„und jeder möchte lächeln?“
ja, so oft wie möglich.
„aber was den kopf und die seele lächeln lässt, ist bei jedem anders?“
ja.
„und deswegen sind wir so, wie wir sind, in diesem kopf, wie er ist und deswegen sind wir gut, solange wir sind?“, fragt das eine schlafschaf.
ich glaube, jetzt hast du’s.“, lächelt das andere schlafschaf.

Üben-Sollen, Üben-Wollen und Üben-Können

Eine Zwickmühle, die sich Eltern, deren Kinder relativ problemlos mitlaufen in der Schule, gar nicht ausmalen können.
Als Lehrerin erlebe ich immer wieder gestresste Kinder und Eltern und muss all meine Gesprächs- und Beratungsfähigkeiten aufbieten, damit wir alle auf einem guten Wege sind.
Als Mutter stecke ich mit einem jungen Jungen in der Grundschule selbst in dieser Zwickmühle.
Und die kann ganz schön zwicken und man muss sehr aufpassen, sich nicht von ihr vereinnahmen und die Haut blauzwicken zu lassen.

„Worum geht es hier überhaupt?!“ fragen sich nun einige.

Es geht darum, dass den Grundschulkindern im ersten und zweiten Schuljahr fachlich schon sehr viel abverlangt wird, sie sollen hier die Grundlagen lernen. Werden die nicht sicher beherrscht, wird darauf aufbauendes, späteres Lernen viel mühseliger.
Es gibt viele Kinder, die sind in jeglicher Hinsicht schulreif und wenn die Eltern sie bei den Hausaufgaben begleiten, das Lesen und Kopfrechnen ein wenig üben, dann läuft das.
Es gibt aber auch viele Kinder, denen fallen einige oder viele Bereiche schwer. Und alles muss geübt werden, am Besten jeden Tag so fünf- bis zehn Minuten. In meinem Text über das Lesen habe ich das selber gefordert.
Das kann für einige Kinder dann aber viele Bereiche beinhalten:
lesen, formklar schreiben, Rechtschreibung üben, Zahlerfassungen üben, Sicherheit im Zahlraum üben, rechnen üben (das Einmaleins sollte nach wie vor „im Schlaf“ beherrscht werden)… damit aber nicht genug.
Dann muss auch noch Feinmotorik, visuelle Wahrnehmung, Raum-Lage-Orienterung, der Gleichgewichtssinn trainiert werden.
Ganz abgesehen vom Fahrradfahren, Schwimmen, dem Umgang mit dem Ball, dem Schleifebinden und was im Bereich Alltag und Hobby sonst noch dazukommen mag.

Und wo bleibt das Kind, das einfach nur spielen und Kind sein soll?
Mein Weg, den wir als Eltern selbst gehen und den ich den Schülereltern nahelege: Prioritäten setzen und mit Geduld, Spucke und Gelassenheit dem Weniger-ist-Mehr frönen.
Das zu Lernende wird in Abschnitte eingeteilt, die nacheinander bewältigt werden.
Im Bereich Mathe im ersten Schuljahr könnte das z.B. heißen, dass unabhängig vom Stoff, den die meisten Kinder in der Schule behandeln, jeden Tag die Zahlen bis 20 geübt werden, bis das Kind die Reihenfolge und die Relationen kennt, ein inneres Zahlbild gebildet hat und sich mühelos und sicher im Zahlenraum orientieren kann.
Erst wenn das sicher ist, kann man mit leichten Kopfrechenübungen anfangen. Für einige Zeit liegt die Priorität dann auf den Zahlzerlegungen (wie kann ich die sieben in zwei Summanden zerlegen?), dann wiederum auf der Zehnerergänzung, auf dem Plusrechen, auf dem Minusrechnen, auf den Analogieaufgaben, auf verwandten Aufgaben, auf dem Zehnerübergang.
Wie soll ein Kind 8+6 sicher rechnen können, wenn es keine Zahlraumvorstellung hat, die sechs nicht zerlegen und die acht nicht sicher zur zehn ergänzen kann? Dementsprechend bringt es auch nichts, die schweren Aufgaben zu pauken, wenn die dazugehörigen Grundlagenaufgaben nicht sitzen.

Dieses Vorgehen erfordert Kommunikation zwischen Eltern und Lehrerin, die Enwicklung eines Planes, wann was „dran“ ist.
Es erfordert aber auch gegenseitiges Vertrauen, dass sich an den Plan gehalten wird.
Schwierig wird es, wenn das nicht möglich ist.
Das kann auf der Elternseite liegen, wenn gar nicht mit dem Kind geübt wird oder zuviel, weil es ja „vorne mitschwimmen“ oder aber zumindest nichts verpassen soll.
Das kann genauso gut auf der Lehrerinnenseite liegen, wenn alle im Gleichschritt marschieren und kein Abweichen vom Wege möglich ist.

Ich persönlich arbeite in meinem Unterricht nicht ausschließlich offen und mit individuellen Plänen, die ich jede Woche eigens für jedes Kind erstelle, das kann ich nicht leisten.
Es geht darum, das Kind in seinen Fähigkeiten und in seinen Noch-Schwachstellen wahrzunehmen und es zu fördern, wo es das braucht, ihm Hilfestellungen in Form von Zusatzmaterialien oder Lösungsansätzen zu geben, es zu ermutigen und zu bestärken auf seinem Weg.

Dieses Vorgehen braucht einen langen Atem und manchmal steht man kurz vor dem Verzweifeln, ich weiß.
Aber der lange Atem zahlt sich aus. So hat dieses Kind Erfolgserlebnisse, verknüpft den Lerninhalt mit positiven Gefühlen, wird selbstbewusster und geht offen auf neue Inhalte zu. Irgendwann „sitzen“ diese Grundlagen und darauf aufbauende Lerninhalte benötigen dann schon nicht mehr ganz so viel Übung.

Lasst uns das Kind im Lerner sehen, diesem Kind den Vorrang geben und lasst uns das Mögliche dafür tun, dieses Kind beim Lernen entspannt lächeln zu lassen.

Mein Traumalied

Trauma.
Nicht Traum.
Ich habe ein Traumalied.

Viele Jahre war ich ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Kirchgemeinde und sehr häufig für die nicht-Orgel-Teile der musikalischen Gestaltung der Gottesdienste zuständig.
Häufig spontan und häufig in Situationen, die meine Schamesgrenze deutlich ankratzten.
Das schlimmste Erlebnis drängt sich dieser Tage wieder nach vorne im Kopf und grinst mich unverschämt an.

Im Vorfeld der Osterplanungen wurde mir einmal eine Entlastung von diesem steten Einsatz mit Gitarre und Stimme in Aussicht gestellt. Eine neue Mitarbeiterin und ihr Freund wollten die Gitarrenbegleitung und das (Vor-)Singen im Ostergottesdienst übernehmen.
Meine Aufgabe war lediglich, mit anderen kurz vor Ende des Gottesdienstes in den Garten zu huschen und Eier zu verstecken.
Endlich mal nicht vorne stehen, die Rampensau geben müssen.
Endlich mal einfach den Gottesdienst genießen können.
Ich freute mich sehr.

Vor Beginn des Gottesdienstes dann die Nachricht, dass die junge Frau krank sei, nicht kommen könnte. Aber ihr Freund sei da. Er würde Gitarre spielen, ich müsste ihn bei dem Lied, das vorgetragen werde nur stimmlich unterstützen.
Natürlich lächelte ich ihn freundlich an, sagte, dass ich das selbstverständlich machen würde.
Wir zogen uns in den Keller zurück, um das Lied einmal zu proben.

Er: „Wir singen ‚Stups, der kleine Osterhase‘.“
Ich: „Das kenne ich nicht, hast du Noten?“
Er: „Nein, nur die Gitarrenakkorde.“
Ich: „Gut, dann musst du es mir vorsingen und ich versuche, reinzukommen.“
(Anmerkung: Ich kann ohne Noten quasi kein Lied lernen, mein Gedächtnis befindet sich an dieser Stelle im Dauerstreik. Aber: Noch war ich wohlgemut.)
Er: „Ich fange an.“
Ich (aufmunternd nickend): „Mach‘ mal, sobald ich mich sicherer fühle, singe ich mit.“
Er schlug einen Takt auf der Gitarre holte tief Luft, sah mich an, nickte und


spielte weiter.
Es kam kein Ton aus seinem Mund.
Ich: „Du, ich kenne das Lied gar nicht und nur mit dem Text kann ich mir die Melodie nicht erschließen.“
Er lächelte, nickte, spielte einen Takt auf der Gitarre vor, holte tief Luft und


spielte Gitarre.
Es kam kein Ton aus seinem Mund.

Er: „Du singst ja gar nicht.“
Ich (inzwischen verkrampft lächelnd): „Ja, weil ich darauf warte, dass du mir dieses Lied vorsingst.“
Er: „Komm, wir singen das noch einmal.“

Diese Szene wiederholte sich ein paar mal mit immer verkrampfterem Lächeln meinerseits, bis wir zum Gottesdienst mussten.
Der Pastor kam uns entgegen: „Und?“
Ich wollte ansetzen, dass wir das wohl sausen lassen müssen, da der Mann an der Gitarre zwar meint, dass er singt, dies aber ohne Ton tut und ich das Lied ohne Noten so nicht lernen kann.
Der Mann an der Gitarre kam mir zuvor: „Ja, super, das wird ganz toll. Wir machen das!“
Pastor freute sich, drehte ab, die Orgel brauste, ich bekam eine Panikattacke nach der anderen.
Irgendwann wurden wir angekündigt.
Wir schritten nach vorn.
Der Mann an der Gitarre setzte sich hin, schlug einen Takt auf der Gitarre holte tief Luft, sah mich an, nickte und


spielte weiter.
Es kam kein Ton aus seinem Mund.
Ich entließ irgendwelche Töne aus meinem Munde, eine Mischung zwischen missglückter Melodie und versuchtem Rap.
Ein Gesangssolo im Ostergottesdienst, das wohl bis heute seinesgleichen sucht in dieser Gemeinde.

Auch die stressigsten Momente sind irgendwann zu Ende.
Unter höflichem Applaus schlich ich an meinen Platz, begleitet von einem stolzen Mann mit Gitarre, der mir begeistert zuraunte: „Das haben wir ganz toll gemacht, oder?“

Tobias, sei froh, dass ich so ein friedliebender Mensch bin, ansonsten hätte ich dir Muppet-mäßig deine Gitarre über den Kopf gezogen.

So kann es gehen.
Er verließ die Kirche an diesem Tag einen Kopf größer, weil er so einen grandiosen Auftritt mit Gitarre und Luftgesang hingelegt hat.
Ich verließ die Kirche an diesem Tag um einen Kopf kleiner und um ein Traumalied reicher.

Später bekam ich irgendwann die Noten zu diesem Lied in die Hand.
Ich könnte es inzwischen singen.
Ich tue es aber nicht.
Niemals.

Der lange Weg des Ankommens

Du hast eine Familie.
Kinder, die du über alles liebst.
Es gab Zeiten eines zufriedenen Lebens.
Jetzt herrscht in deinem Land Krieg.
Du hast schon Menschen sterben sehen, geliebte Angehörige an diesen Krieg verloren.
Du hast Angst um deine Familie.
Du beschließt, alle Ersparnisse zu nehmen und dich auf den Weg zu machen.
Mit deiner Familie.
Du bist mit deiner Familie auf der Flucht.
Ihr seht Dinge, die niemand sehen möchte.
Ihr erlebt Dinge, von denen niemand auch nur träumt, dass er einmal erleben könnte.
Ihr steht Ängste aus, die euch fast das Herz zerreißen.
Du versuchst, deinen Kindern alles zu erklären, warum sie das mitmachen müssen und von der Hoffnung zu sprechen, die ihr habt.
Ihr kommt an.
Ihr haust zunächst mit vielen anderen in einer großen Unterkunft.
Ihr bekommt einen Wohnort zugewiesen.
Ihr habt eine Wohnung, eine spärliche Einrichtung, Kleidung zum Wechseln, Geld für Essen.
Ihr lebt in Frieden.
Ihr atmet auf.
Der so lange gehetzte Körper kommt zur Ruhe, der Geist noch lange nicht.
Du schickst deine Kinder in den Kindergarten, die Schule.
Du hoffst, dass sie gut ankommen in diesem Land, das nun auch ihr Land ist.
Du merkst, dass die Kinder die neue Sprache schnell lernen und freust dich.
Du merkst aber auch, dass sie in vielen Dingen Hilfe benötigen, die du ihnen nicht geben kannst.
Du lernst diese schwere Sprache bei weitem nicht so schnell.
Die Formulare, die Briefe, die Aushänge, alles ist nur mühsam und ansatzweise verständlich.
Du spürst diese Blicke der Menschen in der Nachbarschaft, der anderen Eltern, beim Einkaufen, überall.
Du spürst, dass der Umgang mit dir manchmal schwierig ist für Kollegen, Erzieherinnen, Lehrerinnen, die Leute vom Sozial- und Arbeitsamt – die Sprache, deine kulturelle Unwissenheit.
Du gibst alles und merkst, dass auch dies nicht genug ist.
Du bist angekommen und benötigst doch noch lange zum Ankommen.

Bild: pixabay.com